Ein Mann ist tot, eine Frau gesteht: Fall geklärt. Allerdings ist der Film gerade mal dreißig Minuten alt; da muss also noch was kommen. Falsche Geständnisse sind im Fernsehkrimi ein beliebtes Mittel, um eine Mordermittlung komplizierter zu gestalten. Meist sollen mit Hilfe der Lügen geliebte Menschen geschützt werden. Das ist bei "Fiderallala", Fall Nummer 47 für Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne und Hauptkommissar Frank Thiel, jedoch ganz anders, und darin liegt der besondere kriminalistische Reiz des Films, zumal das dritte Drehbuch von Regine Bielefeldt für den "Tatort" aus Münster durch eine weitere clevere Handlungswendung erfreut.
Für die Fans von Jan Josef Liefers und Axel Prahl zählt allerdings vor allem der Schmunzelfaktor, und in dieser Hinsicht erfüllt der Film alle Erwartungen. Der ungewöhnliche Titel bezieht sich auf das Kinderlied "Die Vogelhochzeit": Ausgerechnet der stets auf seinen guten Ruf bedachte Professor hat sich im Rahmen einer Unifete einen Auftritt geleistet, der in seinen Augen einer Entgleisung gleichkommt. Seine Meinung ändert sich zwar, als er dank des entsprechenden Videos zum Internet-Star wird, aber da ist es schon zu spät, um sein Verhältnis zum Freundfeind Thiel zu retten. Wie es zu dieser erheblichen Beziehungskrise kommt, hat die Autorin raffiniert eingefädelt.
Damit der Nachbar den Feierabend nicht wieder mal auf dem Sofa verbringt, lockt Boerne den Kommissar unter dem Vorwand eines Leichenfunds auf den Campus, wo die medizinische Fakultät ein rauschendes Fest feiert. Dank diverser THC-Shots plus einiger Cocktails legt der Professor eine Show hin, die allen Anwesenden unvergessen bleiben wird. Tags drauf kündigt er Thiel nicht nur die Freundschaft, sondern auch das Mietverhältnis: Er hat sich zum Narren gemacht, und der Polizist hat’s nicht verhindert.
Tilmann P. Gangloff, Diplom-Journalist und regelmäßiges Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, schreibt freiberuflich unter anderem für das Portal evangelisch.de täglich TV-Tipps und setzt sich auch für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Auszeichnung: 2023 Bert-Donnepp-Preis - Deutscher Preis für Medienpublizistik (des Vereins der Freunde des Adolf-Grimme-Preises).
Die Fortsetzung dieser Geschichte ist äußerst amüsant, zumal Boernes Sinneswandel zu überaus witzigen Momenten führt, als er versucht, das Kündigungsschreiben aus Thiels Briefkasten zu fischen. Die eigentliche Qualität des Drehbuchs wie auch der Umsetzung durch Isabel Prahl ist jedoch die Kombination mit der Krimihandlung. Der "Tatort" aus Münster leidet mitunter unter einem ausgeprägten Manko: Die Comedy-Ebene mit den Geplänkeln zwischen den beiden Hauptfiguren ist lustig, aber die Ermittlungen wirken wie ein notwendiges Übel.
Auch das ist hier zum Glück anders: Im Verlauf der Fete ist ein Student ums Leben gekommen. Chris war für die Getränke zuständig und ist auf offenbar besonders perfide Weise ermordet worden: Jemand hat seine Lunge perforiert. Fans von Arztserien kennen das Phänomen als Pneumothorax; der Tod ist qualvoll. Rasch gerät Freundin Fraya (Meira Durand) in Verdacht, aber dann gesteht eine andere Studentin (Luise von Stein) die Tat: Chris ist zudringlich geworden, sie hat sich gewehrt.
Dem Publikum ist ohnehin klar, dass die junge Frau die Tat höchstwahrscheinlich nicht begangen hat, aber auch Thiel hat Zweifel. Zunächst muss sich der Kommissar jedoch um einen zweiten Mord kümmern. Auch diese Tat trägt sich gewissermaßen im Uniumfeld zu: Ein ehemaliger Hochschuldozent ist in seiner geräumigen Villa mit großer Wucht erschlagen worden. Diesmal gerät eine Studentin (Bineta Hansen) auf Wohnungssuche in Verdacht.
Der alte Mann hat sein Vermietungsangebot anscheinend mit sexuellen Dienstleistungen verknüpft. Auch in diesem Fall gibt es jedoch kurz drauf ein Geständnis, doch diesmal durchschaut Thiel auf Anhieb, dass die Aussage nicht korrekt sein kann. Dass es sich dennoch in beiden Fällen nicht um eine Lüge handelt und wie das Ermittlerduo schließlich die verblüffende Wahrheit rausfindet, ist ausgesprochen klug ausgedacht.
Womöglich hat sich Regine Bielefeldt durch eine Erkenntnis von Arthur Schnitzler inspirieren lassen: "Die Erinnerung, sagt Jean Paul, ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Manchmal mag das zutreffen. Öfter aber ist die Erinnerung die einzige Hölle, in die wir schuldlos verdammt werden." Zu diesem Zitat passt im weitesten Sinn eine der letzten Regiearbeiten Prahls.
Ihre Disney-Serie "Deutsches Haus" (2023) befasste sich mit dem ersten Auschwitz-Prozess 1963 und mit "einer Hölle, die zu schildern die Worte fehlen". Sehenswert ist "Fiderallala" auch wegen der Bildgestaltung (Anne Bolick); gerade die Szenen während der Party sind mit großem Aufwand gefilmt. Die jungen Mitwirkenden machen ihre Sache ebenfalls prima, und das seit über zwanzig Jahren eingespielte Team Liefers/Prahl ist sowieso ein großes Vergnügen.