Berlin (epd). Gegen eine Neonazi-Demonstration durch den Berliner Stadtteil Friedrichshain hat es am Samstag zahlreiche Proteste gegeben. Wegen Blockaden der Demonstrationsstrecke durch Gegendemonstranten verharrten in der Spitze bis zu 860 rechte Demonstrationsteilnehmer am Bahnhof Ostkreuz und beendeten ihre Versammlung nach rund vier Stunden dort auf der Hauptstraße, wie die Polizei am Sonntag mitteilte. An insgesamt 15 Gegenveranstaltungen beteiligten sich mehrere Tausend Menschen. Die Polizei sprach von einer Teilnehmerzahl geschätzt im „unteren bis mittleren vierstelligen Bereich“.
Bei mehreren Vorfällen entlang der Aufzugstrecke hätten Gegendemonstranten versucht, Absperrungen zu überwinden. Dabei sei es auch zu Glasflaschenwürfen auf Einsatzkräfte gekommen. Die Polizei reagierte darauf unter anderem mit Reizgas und versuchte, die Menschen mit Schlägen, Drücken und Schieben zurückzudrängen.
Insgesamt kam es laut Polizei zu 90 Festnahmen. 57 Strafanzeigen wurden unter anderem wegen Landfriedensbruchs, gefährlicher Körperverletzung, Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen, Angriffen auf Polizisten und Sachbeschädigung aufgenommen. Zudem gab es 33 Ordnungswidrigkeiten, hauptsächlich wegen Verstößen gegen das Versammlungsfreiheitsgesetz. 41 der insgesamt 90 Strafanzeigen und Ordnungswidrigkeiten seien „rechtsmotiviert“ gewesen, 31 „linksmotiviert“. 19 Einsatzkräfte wurden verletzt.
Mehrere Blockaden durch Gegendemonstranten auf dem Markgrafendamm nahe dem Bahnhof Ostkreuz hatte die Polizei am Samstag als Versammlungen anerkannt. Zum Einsatz kam bei den Protesten gegen die Rechtsextremisten auch der von Aktionskünstlern des „Zentrums für politische Schönheit“ umgebaute ehemalige Gefangenentransporter „Adenauer SRP +“. Wegen eines zu lauten Einsatzes einer auf dem Bus installierten Fliegeralarmsirene ging die Polizei zwischenzeitlich auch gegen den Bus vor, damit die Verantwortlichen die Sirene wieder abschalten. Dabei setzten die Polizisten auch körperliche Gewalt und Reizgas ein.
Die geplante Aufzugsroute der Rechtsextremisten sollte vom Ostkreuz über die Stralauer Allee, Warschauer Straße, Frankfurter Tor, Frankfurter Allee, Gürtelstraße zurück zum Ostkreuz führen. Die Gegenproteste bildeten ein breites gesellschaftliches Spektrum ab. Neben Organisationen wie den „Omas gegen Rechts“ oder „Gerade denken“ hatten mehrere Privatpersonen Demonstrationen angemeldet. Der Berliner Bezirk Friedrichshain ist für seine linksalternative Szene bekannt.
Der Neonazi-Aufzug stand unter dem Motto „Für Recht und Ordnung, gegen Linksextremismus und politisch motivierte Gewalt“ marschieren. Unter anderem wurde laut Polizei zu Beginn über Lautsprecher unter anderem das sogenannte „Teufelslied“, ein Marschlied der Waffen-SS, in abgewandelter Form gespielt und mitgesungen. Eine Prüfung durch den polizeilichen Staatsschutz habe ergeben, dass das Lied in der vorgetragenen Version „strafrechtlich nicht relevant“ gewesen sei.