"KI geht an den Kern des kreativen Schaffens. Sie kann in vielen Bereichen nachmachen, was Menschen können", sagte Stammer, Dozent der Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim, dem Evangelischen Pressedienst. Die Einführung des interaktiven Sprachmodells ChatGPT im Jahr 2022 komme einer technologischen Revolution gleich: KI werde in allen Bereichen des Pop eingesetzt, vom Songwriting über Produktion bis zum Marketing.
Neue KI-Modelle unterstützten Musikschaffende zwar bei ihrer kreativen Arbeit, zugleich seien sie für sie eine wirtschaftliche Gefahr, sagte Stammer. Er ist Projektmanager für den Bereich Digitales Marketing, Innovationsmanagement an der Popakademie, die vom Land Baden-Württemberg, der Stadt Mannheim, dem Südwestrundfunk (SWR) und der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg (LfK) finanziert wird.
"In der Musikindustrie gibt es ein Bedrohungsgefühl durch die KI", sagte Stammer. Der 33-jährige Medien- und Kommunikationswissenschaftler promoviert derzeit zur Wahrnehmung von KI-generierter Musik. Musikerinnen und Musiker spürten eine Konkurrenz durch Musik, die mithilfe der KI geschaffen worden ist: Ihnen breche ein wirtschaftliches Standbein weg, wenn sie etwa keine "funktionale Musik" für Werbung oder auch Hintergrundmusik für den Supermarkt mehr produzieren könnten, weil dies von der KI übernommen werde.
Die Künstlerinnen und Künstler müssten deshalb an den Einnahmen für das Abspielen und Nutzen von KI-generierter Musik angemessen beteiligt werden, forderte Stammer. "Sie müssen ein Stück mehr vom Kuchen erhalten." Zentral sei die Frage, welcher Wert zukünftig von Menschen erzeugter Musik beigemessen werde. Dies hänge auch von Hörgewohnheiten des Publikums ab.
Autor:innen müssen gefragt und honoriert werden
Die Livemusik lebe weiterhin von Authentizität und menschlicher Kreativität: "Wenn es um handgemachte Musik, um künstlerischen Ausdruck geht, dann lässt man von der KI besser die Finger."
Auch werfe der Einsatz von KI in der Musik ethische Probleme auf, sagte Stammer. Zwar gebe es Filter in den Anwendungen, die etwa fremdenfeindliche, rassistische oder diskriminierende Inhalte blockierten. Problematisch sei aber etwa die Frage der Urheber- und Persönlichkeitsrechte: Autorinnen oder Autoren von Musikstücken müssten bei der Nutzung ihrer Musik gefragt und entsprechend honoriert werden. Problematisch sei auch, wenn etwa die Stimme eines Künstlers ohne Erlaubnis mithilfe von KI kopiert und für andere Musik verwendet werde. Ungeklärt sei zudem die Frage der Umweltverträglichkeit dieser neuen Technologie, die einen hohen Energiebedarf habe.