Politologe: Hohe Wahlbeteiligung auch dank Demonstrationen

Politologe: Hohe Wahlbeteiligung auch dank Demonstrationen
27.02.2025
epd
epd-Gespräch: Christina Neuhaus

Berlin (epd). Die hohe Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl ist laut dem Politikwissenschaftler Robert Vehrkamp unter anderem auf die Demonstrationen in der Schlussphase des Wahlkampfs zurückzuführen. „Die gemeinsame Abstimmung der Union mit der AfD im Bundestag beim Thema Migration Ende Januar hat zu einer Gegenmobilisierung im demokratischen Lager geführt“, sagte Vehrkamp dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Da haben dann auch die Demonstrationen eine Rolle gespielt.“

Zwar würden Menschen, die an solchen Kundgebungen teilnehmen, „ohnehin recht verlässlich“ zur Wahl gehen, sagte der bei der Bertelsmann Stiftung tätige Forscher. „Aber andere Menschen nehmen diese Proteste dann wahr über die mediale Vermittlung, über den öffentlichen Diskurs.“ Dadurch entstehe das Gefühl, „da passiert gerade etwas Entscheidendes, da geht es um was, und das mobilisiert dann eben die Menschen und führt zu so einer hohen Wahlbeteiligung“.

An der Bundestagswahl hatten laut Bundeswahlleiterin 82,5 Prozent der Wahlberechtigten teilgenommen - das ist der bisher höchste Wert im wiedervereinigten Deutschland. Er sei davon nicht überrascht gewesen, sagte Vehrkamp: „Es hatte sich schon abgezeichnet, dass wir insgesamt einen hohen Grad der politischen Mobilisierung haben im Land.“ Dies habe sich dann in der letzten Phase des Wahlkampfs „nochmal ein Stück weit hochgeschaukelt“.

Die These, dass von der höheren Wahlbeteiligung vor allem die AfD profitiere, wies Vehrkamp zurück. „Es stimmt zwar, dass die AfD sehr stark bei Nichtwählern mobilisiert hat“, sagte der Politikwissenschaftler, der auch an der Leuphana Universität Lüneburg lehrt. Jedoch hätten die Ereignisse in den letzten Wochen vor der Wahl zugleich Menschen im demokratischen Lager aktiviert. „Mobilisierung und Gegenmobilisierung haben sich gegenseitig getragen und befeuert.“

Gleichwohl warf Vehrkamp den demokratischen Parteien vor, das Problem des Nichtwählens lange vernachlässigt zu haben. „Das ist ein echtes Versäumnis und eine strategische Schläfrigkeit der etablierten Parteien - die hat sich die AfD zunutze gemacht.“ Inzwischen seien die anderen Parteien hier immerhin aktiver geworden. „Was ich jetzt im Wahlkampf sehr schön fand, war, dass fast alle Parteien die Haustürbesuche wiederentdeckt haben“, sagte Vehrkamp. Gerade die Linke habe damit „einen Riesenerfolg“ gehabt.

Die Nichtwählerquote sei vor allem unter sozial benachteiligten Menschen hoch, erläuterte Vehrkamp - und die Linke sei „sehr bewusst in die sozial problematischen Kieze reingegangen und hat der AfD Paroli geboten“. Aus der Forschung sei bekannt, „dass diese Kümmerer-Strategie funktioniert: Menschen interessieren sich dann für Politik, wenn sie das Gefühl haben, dass Politik sich auch für sie interessiert.“