Auf Augenhöhe: Freiwilligendienst und Bundeswehr

Vier junge, freiwillige Helfer:innen stehen in einer Reihe in einer Kleiderkammer mit Ausweisen umgehängt, auf denen "Volunteers" steht.
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Junge Menschen könnten mit dem Programm "Vision 2030" eine ehrenamtliche, aber bezahlte Arbeit im Ausland finanzieren. (Symbolbild)
Zur "Vision 2030"
Auf Augenhöhe: Freiwilligendienst und Bundeswehr
Sie böten Orientierung und Erfahrung der Selbstwirksamkeit für junge Menschen, so werben Freiwilligendienste in Deutschland. Selbes sagt die Bundeswehr und erhält durch die Debatte zur Wehrpflicht Aufwind. Die Vision 2030 will den Freiwilligendienst stärken. evangelisch.de Mitarbeiter Thomas Klatt hat sich das Modell näher angeschaut.

Spätestens seit der drohenden Abkehr des US-Präsidenten Donald Trump von der NATO-Bündnistreue wird in Deutschland verstärkt über die Reaktivierung der Wehrpflicht diskutiert. Es gehe darum, die Bundeswehr wieder "kriegstüchtig" zu machen, fordert Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius schon länger. Weit weniger wird in der Öffentlichkeit diskutiert, dass es auch Gegenmodelle gibt: "Vision 2030"! Es geht um einen verbesserten Freiwilligendienst für junge Erwachsene.

Die "Vision 2030" wurde schon im Dezember 2024 von entwicklungs- und umweltpolitischen Organisationen vorgestellt, etwa vom NABU, BUND und dem Deutschen Roten Kreuz, aber auch von kirchlichen Organisationen wie der Caritas, den Maltesern, dem evangelischen Forum entwicklungspolitischer Freiwilligendienst eFeF oder der Evangelischen Mission Weltweit.

Auch wenn die schwarz-roten Koalitionsverhandlungen noch nicht abgeschlossen sind, so ständen die Signale für einen verbesserten Freiwilligendienst aus den zuständigen Arbeitsgruppen auf grün, verrät Claudio Jax vom Netzwerk und Fachstelle für Internationale personelle Zusammenarbeit AKLHÜ e.V. als Mitglied der Aktion Vision 2030. "Es soll allen Jugendlichen ermöglicht werden unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten einen Freiwilligendienst zu leisten und es soll eben auch eine Überjährigkeit der Finanzierung gewährleistet werden, was Raum für einen Rechtsanspruch auf Förderung eines Freiwilligendienstes lässt", sagt Claudio Jax.

Claudio Jax

Freiwilligkeit muss man sich leisten können

Derzeit leisten jedes Jahr rund 100.000 junge Erwachsene aus Deutschland Freiwilligendienste im In- und Ausland. Doch diese kommen meist aus begüterteren Elternhäusern. Denn einen Freiwilligendienst muss man sich leisten können. Es gibt bislang keine klaren Vergütungssätze wie früher beim Zivildienst. Im Inland gilt nur eine Obergrenze von etwas über 600 € im Monat. Viele Einsatzstellen etwa im Naturschutz oder bei sozialen Einrichtungen können aber nicht einmal diese Minimalvergütung zahlen.

Martin Schulze arbeitetet beim Freiwilligendienst in Hannover.

"Wenn wir einen Querschnitt der Bevölkerung erreichen wollen, ist ein Teil unserer Vision 2030 eine angemessene Vergütung, die staatlich garantiert werden soll", sagt Martin Schulze von Evangelische Freiwilligendienste in Hannover. 

So ähnlich sieht es derzeit auch beim Engagement im Ausland aus.
"Beim internationalen Jugendfreiwilligendienst ist die Förderung das Problem. Das Programm wurde aufgesetzt, als die Wehrpflicht ausgesetzt wurde. Die Förderhöhe liegt bei 350 € pro Monat seit Einführung des Programms vor 12 Jahren", beklagt Silvio Titzmann von der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden AGDF in Bonn. Etwas besser sehe es nur beim Weltwärts-Programm aus dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung aus. Da liege die Förderhöhe bei ungefähr 700 € im Monat plus Sonderzulagen, rechnet Titzmann vor.

Um nun eine substanzielle Verbesserung zu erreichen, schlägt das Bündnis "Vision 2030" ein Drei-Säulen-Modell vor:

  1. Es brauche einen Rechtsanspruch auf einen Freiwilligendienst. Dafür müsse ein attraktives Angebot ermöglicht werden. Gegenwärtig engagieren sich jährlich rund 10% aller Schulabgänger*innen in einem Freiwilligendienst. Angestrebt wird eine kurzfristige Verdoppelung der Freiwilligenzahl. Dafür brauche es ein staatlich finanziertes Freiwilligengeld auf BAföG-Niveau für alle Freiwilligen.
  2. Jedem interessierten (jungen) Menschen soll ein passendes Angebot unterbreitet werden. Hierunter fällt die Refinanzierung der erforderlichen zielgruppengerechten Ansprache, Öffentlichkeitsarbeit, Beratung und pädagogischen Begleitung. So werden Einsatzstellen und Träger in die Lage versetzt, jenen (jungen) Menschen einen Platz anzubieten, die heute noch unterrepräsentiert sind. "Dafür sind zusätzliche finanzielle Mittel des Bundes bei einer Verdoppelung der Freiwilligenzahlen in Höhe von rd. 2,7 Mrd. € notwendig. Damit ist der Rechtsanspruch auf einen Freiwilligendienst für 200.000 Freiwilligendienst Leistende wesentlich günstiger als ein Pflichtdienst mit ca. 13,3 Mrd. €", rechnet die Initiative Vision 2030 vor.
  3. Brauche es eine Einladung und Beratung für Alle. Mit einer auffordernden, schriftlichen und individuellen Einladung an alle (jungen) Menschen sowie einer darauf aufbauenden Einzelberatung zu den Möglichkeiten eines freiwilligen Dienstes durch die anbietenden Organisationen werden die Freiwilligendienste in einer ganz neuen Weise in das Bewusstsein gebracht. 

Die Initiative 2030 kann sich grundsätzlich vorstellen, dass auch ältere Bürger für diesen Freiwilligendienst angesprochen werden. Prioritär sind aber die Schulabgänger im Blick.

"Unsere Vision ist, dass es ein werbendes Anschreiben gibt. Das könnte vom Bundespräsidenten oder der Bundespräsidentin sein, das dafür wirbt, dass junge Menschen sich für die Gesellschaft engagieren", sagt Martin Schulze von Evangelische Freiwilligendienste in Hannover. Dieses eine Jahr Freiwilligendienst in sozialen Bereichen, im Umweltschutz oder in der Entwicklungszusammenarbeit sei keine verschenkte Zeit, sondern wichtig für die Allgemeinheit, ergänzt Silvio Titzmann von der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden AGDF: "Das ist eine sehr prägende Erfahrung, die gesellschaftlich sehr wichtig ist, weil junge Menschen nach der Schule in der Regel erstmals so etwas wie Selbstwirksamkeit erfahren. Das sind Erfahrungen, die eine erste Orientierung geben und auch im späteren Berufs-Leben helfen." 

Doch genau mit dieser Orientierung und ersten Erfahrung der Selbstwirksamkeit wirbt verstärkt auch die Bundeswehr. Angesichts der unsicheren Weltlage wirkt die öffentliche Debatte so, als müssten junge Menschen nun zuerst in deutsche Kasernen einrücken. Beides schließe sich aber nicht gegenseitig aus, sagt Martin Schulze: "Wenn wir Jahrgangsstärken von 750.000-800.000 jungen Menschen jedes Jahr haben, dann sind wir weit davon entfernt, dass die alle bei der Bundeswehr untergebracht werden können." 

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius selbst sprach von zunächst nur 5000 zusätzlichen Wehrpflichtigen, die die Bundeswehr pro Jahrgang aufnehmen solle. Somit schöpfe die "Vision 2030" ein wesentlich größeres Potential aus. Das sollte nun in den schwarz-roten Verhandlungen konstruktiv umgesetzt werden, fordert Claudio Jax vom Netzwerk und Fachstelle für Internationale personelle Zusammenarbeit AKLHÜ e.V.: "Es wäre wichtig, wenn die Koalitions-Verhandlerinnen und -Verhandler ihr Möglichkeitsspektrum anschauen. Sie haben neben dem Vorschlag von Boris Pistorius und dem, was man einen Pflichtwehrdienst nennt, noch eine ganze Reihe an Möglichkeiten."