Langsame Annäherung an Wehrpflicht ist richtig

EKD-Militärbischof Bernhard Felmberg sitzt in einem Sessel und gestikuliert im Gespräch
epd-bild/Christian Ditsch
"Mit Militärseelsorge reden wir nicht dem Krieg das Wort", sagt der EKD-Militärbischof Bernhard Felmberg.
EKD-Militärbischof Felmberg
Langsame Annäherung an Wehrpflicht ist richtig
Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) redet Militärbischof Felmberg über Pläne für eine Pfarrstelle für die geplante Brigade in Litauen, seine Position zur Wehrpflicht und seine Überzeugung, dass auch die Kirche für einen Verteidigungsfall gewappnet sein muss.

epd: In Deutschland wird wie seit Jahrzehnten nicht über Verteidigungsfähigkeit gesprochen. Für Aufrüstung werden Schulden in historischer Dimension gemacht. Ist die Gesellschaft auf diese neue Lage eingestellt?

Bernhard Felmberg: Spätestens seit der Invasion Russlands in die Ukraine stellt sich die gesellschaftliche Situation bereits anders dar. Ich merke das, wenn ich mit Soldatinnen und Soldaten spreche. Früher sind sie angemacht worden, hörten dumme Sprüche, spürten manchmal auch Aggressivität. Heute kommen Leute und sagen: "Danke, dass ihr diesen Dienst macht". Ein ZDF-Fernsehgottesdienst der Militärseelsorge am vierten Advent hatte zu 95 Prozent positive Reaktionen. Das wäre so vor fünf Jahren wahrscheinlich nicht der Fall gewesen.

Auch das Verständnis dafür, dass die Bundeswehr deutlich mehr Geld bekommt?

Felmberg: Wahrscheinlich ja, aber eine andere Aussage muss auch klar sein: Dafür muss woanders gespart werden. Das wird ein schmerzhafter Prozess werden in der Gesellschaft. Die Menschen unseres Landes sehen die Notwendigkeit, dass die Bundeswehr personell und materiell gut aufgestellt sein muss, um den zukünftigen Aufgaben gerecht werden zu können.

Auch viel Geld hilft aber nicht unmittelbar bei den Personalproblemen, die die Bundeswehr hat. Woran liegt es, dass der Aufwuchs nicht gelingt?

Felmberg: Wir haben zu wenig junge Menschen für die vielen Aufgaben, die da sind. Das gilt für die Bundeswehr nicht anders als für die evangelische Kirche, die Wirtschaft, für alle Arbeitgeber. Deshalb muss sich die Bundeswehr die Frage stellen, wie sie an die jungen Leute rankommt. Allein das Steigern der Attraktivität wird aber nicht reichen. Das hat auch die Wehrbeauftragte in ihrem kürzlich vorgelegten Bericht klar formuliert. Die Bundeswehr wird kleiner und älter - und das sind keine guten Kennzahlen für die Zukunft einer Armee.

Deshalb wird inzwischen ernsthaft über die Wiedereinführung der Wehrpflicht gesprochen. Wie ist Ihre Position dazu?

Felmberg: Ich unterstütze den Vorschlag von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), eine Wehrerfassung für alle jungen Männer einzuführen, mit einer freiwilligen Variante für alle jungen Frauen. Das könnte auf eine Art kontingentierte Wehrpflicht hinauslaufen. Eine schrittweise Annäherung halte ich aber für richtig. Wir müssen doch vorher schauen, wie viele Soldatinnen und Soldaten die Bundeswehr überhaupt ausbilden kann.

Auch die Militärseelsorge steht mit der aktuellen Lage vor Herausforderungen. Brauchen Sie auch ein Sondervermögen?

Felmberg: Die Nachfrage nach uns steigt stetig. Das heißt, dass wir mehr Personal brauchen. Ich glaube, dass mittelfristig die Anzahl der Militärpfarrerinnen und -pfarrer steigen wird. Im Moment haben wir 104 evangelische Militärgeistliche, 100 in Deutschland, 4 im Ausland. Wir müssen das Netz verdichten, weil wir momentan nicht in der Lage sind, all das nachzuhalten, was von uns gefordert wird. Konkret: Wir wollen in einem Katastrophenfall in der Lage sein, als Kirche den Menschen beizustehen, die uns brauchen. Darüber reden wir auch mit der katholischen und jüdischen Militärseelsorge sowie den anderen Sonderseelsorgen - Notfallseelsorge, Krankenhausseelsorge, Gefängnisseelsorge.

Sie meinen den "Geistlichen Operationsplan", so haben Sie es genannt. Worum geht es konkret?

Felmberg: Ganz konkret heißt es: "Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs- und Bündnisfall". Das kann sich keiner merken.

"Wenn mich ein 19-jähriger Soldat fragt, ob ich an der Seite seiner Familie bin, wenn er im Einsatz stirbt, möchte ich antworten können: Ja, das sind wir."

Was meine ich? Ein ganz plastisches Beispiel: Wenn mich ein 19-jähriger Soldat fragt, ob ich an der Seite seiner Familie bin, wenn er im Einsatz stirbt, möchte ich antworten können: Ja, das sind wir. Das kann aber die Militärseelsorge allein nicht leisten. Das ist eine Aufgabe für die gesamte Kirche.

Wie wird Ihr Vorschlag in anderen Bereichen der Kirche aufgenommen? Stoßen Sie damit auch auf Widerstand?

Felmberg: Es ist unumstritten, dass die Seelsorge der Herzschlag der Kirche ist. Aber ja, es ist für manche eine Zumutung, über Seelsorge für den Fall eines militärischen Angriffs nachzudenken. Für sie ist das, als würde man den Krieg herbeireden.

"Mit der Militärseelsorge reden wir nicht dem Krieg das Wort."

Aber es ist doch so: Wir haben eine Notfallseelsorge, befördern deshalb doch aber nicht den Unfall auf der A9. Wir haben eine Gefängnisseelsorge, reden doch aber damit nicht dem Verbrechen das Wort, oder dem Krebs, weil wir Krankenhausseelsorge anbieten. Mit der Militärseelsorge reden wir nicht dem Krieg das Wort. Die Kirche muss immer zum Frieden aufrufen.

Wie wird die Militärseelsorge die Brigade in Litauen begleiten?

Felmberg: Dort werden etwa 6.000 Soldatinnen und Soldaten stationiert, teilweise fest mit Familien, mit Zivilbeamten der Bundeswehr. Das heißt, man rechnet mit rund 10.000 Menschen vor Ort. Wir planen deshalb mit einer festen Pfarrstelle, vielleicht sogar mit zweien.

Die Bundeswehr hat augenscheinlich Probleme, die Brigade personell zu füllen. Wie zuversichtlich sind Sie, was die Besetzung der Pfarrstelle angeht?

Felmberg: Unsere Pfarrerinnen und Pfarrer haben eine hohe Bereitschaft, in solche Situationen hineinzugehen. Ich gehe davon aus, dass von den 104 Militärgeistlichen 14 sofort bereit wären, mitzugehen. Ich habe wirklich keine Personalprobleme. Die Zahl von Pfarrerinnen und Pfarrern, die zu uns kommen wollen, steigt sogar. Auf eine Stelle kommen manches Mal 15 Bewerbungen.

Das können viele Kirchengemeinden nicht behaupten. Woran liegt das?

Felmberg: Ganz einfach: hohe Berufszufriedenheit. Unsere Pfarrerinnen und Pfarrer bekommen viel zurück. Wenn Sie Militärgeistlicher sind, kommen in der Woche manchmal bis zu 20 junge Soldatinnen und Soldaten zwischen 20 und 30 Jahren ins Pfarrbüro, klopfen an der Tür und sagen: Kann ich mal mit Ihnen reden? Das ist in Gemeinden eher nicht der Fall.

Dabei gibt es in der Bundeswehr doch nicht mehr Kirchenmitglieder als in der Gesamtbevölkerung.

Felmberg: Doch! Über 27 Prozent der Soldatinnen und Soldaten in der Bundeswehr sind evangelisch. Dennoch stimmt es, dass vielen Soldatinnen und Soldaten in der Militärseelsorge das erste Mal überhaupt ein Pfarrer begegnet. Sie kennen zwar die Dorfkirche von zu Hause, waren aber nie drin. Über die Militärseelsorge lernen sie Kirche kennen, auch weil es gar nicht so selten vorkommt, dass ein Kamerad zu ihnen sagt: Wenn du Probleme hast, geh mal zum Pfarrer und nicht unbedingt gleich zur Truppenpsychologie.

Warum?

Felmberg: Die Militärseelsorge hat einen besonderen Stand in der Bundeswehr. Die Militärgeistlichen sind nicht Teil der Hierarchie. Sie haben gegenüber Kommandeuren immer direktes Vorspracherecht, unterliegen gleichzeitig dem Seelsorgegeheimnis. Auch Mediziner und Psychologen unterliegen einer beruflichen Schweigepflicht, aber nichtsdestotrotz öffnet sich gewissermaßen die Personalakte. Wer zu uns kommt, der weiß, das bleibt alles bei uns.

"Wer zu uns kommt, der weiß, das bleibt alles bei uns."

Dennoch sind die Militärgeistlichen etwa im Auslandseinsatz eng dabei: Sie frühstücken mit den Soldatinnen und Soldaten, machen Geburtstagsbesuche, sind bei Spieleabenden dabei. Wir sind "Outstanding Insider", ein Gegenüber.

Gewinnt die Militärseelsorge damit auch Kirchenmitglieder, deren Zahl ja insgesamt rapide sinkt?

Felmberg: Unsere Zahlen sind recht stabil. Wir verlieren nur 0,4 Prozent unserer Mitglieder pro Jahr. Manchmal haben wir durchaus Taufen oder Wiedereintritte.

Kann denn die gesamte Kirche in diesem Punkt etwas von der Militärseelsorge lernen?

Felmberg: Wir teilen das Leben derer, die uns anvertraut sind, in der Kaserne, bei Übungen und Einsätzen und auch dann, wenn es in der Familie turbulent wird. Darüber sind wir ständig im Austausch. Unsere Gottesdienste sind kurz, knapp und klar. Und die Predigten nehmen die Lebensthemen der Soldatinnen und Soldaten auf. Selbst die Musik ist dicht an ihrer Lebenswirklichkeit. Da gibt es auch mal "Smoke on the Water" oder "You'll never walk alone" als Vorspiel.