Kirchlicher Kampf gegen Gewalt in Chile

Malaktion im Stadtteil Peñalolén
Jürgen Schübelin
Kinder, Eltern und Mitarbeitende des Zentrum "Belén El Cobre" im Stadtteil Peñalolén fordern mit einer Straßenaktion das Recht auf ein Leben ohne Gewalt in ihrem Viertel.
Widerstand statt Verzweiflung
Kirchlicher Kampf gegen Gewalt in Chile
In Chiles Armenvierteln eskaliert die Gewalt – selbst Kinder fallen den brutalen Revierkämpfen der Gangs zum Opfer. Doch kirchliche Initiativen kämpfen mit Mut und Kreativität gegen die Angst, schaffen sichere Orte und geben den Hinterbliebenen Halt. Ihr Einsatz zeigt: Gemeinschaft und Zivilcourage können Leben verändern – und retten.

La Victoria, zwei Tage vor Silvester, kurz nach acht: ein typischer Hochsommerabend in einem chilenischen Armenviertel mit vielen Menschen draußen auf der Straße. Weil er zu einem neuen Song für sein Social Media-Portal einen Videoclip produzieren wollte, kam einem jungen Musiker die Idee, drei Mädchen auf der Straße anzusprechen und sie einzuladen, spontan an Ort und Stelle zu seiner Musik zu tanzen. Viele Passanten blieben stehen und schauten zu. Niemand achtete auf den Pick-up, der auf die Gruppe zufuhr. Plötzlich - ohne jegliche Warnung - begannen die Männer aus dem Fahrzeug heraus mit Schnellfeuerwaffen auf zwei kolumbianische Jugendliche zu schießen. Die beiden waren sofort tot. Acht Personen wurden durch die Schüsse verletzt, darunter Mayra Castillo (13), eines der drei tanzenden Mädchen. Alle Versuche, ihr Leben zu retten, blieben vergeblich. Noch in der Nacht erlag sie im benachbarten Hospital Barros Luco ihren Verletzungen.

Nicht nur für ihre Familie, sondern auch für die Kinder und Jugendlichen aus dem Zentrum "Nuestra Señora de la Victoria", für das Mitarbeiterinnenteam und für die gesamte Nachbarschaft war der Tod von Mayra ein Schock, der bis heute nachwirkt. Die sensible, immer vor kreativer Energie sprühende 13-Jährige verbrachte seit ihren Kindergartenjahren jede freie Minute in diesem kirchlichen, eng mit der gleichnamigen Gemeinde verzahnten Projekt. Es liegt mitten in dem geschichtsträchtigen Viertel in der Kommune Pedro Aguirre Cerda im Südwesten der chilenischen Hauptstadt Santiago.

Valentina Campos, Direktorin des Kinder- und Jugendzentrums, und ihre Kollegin Rosani Lagos, Verantwortliche für die Stadtteilarbeit des Projekts, wussten sofort was jetzt auf dem Spiel stand, als sie an dieser Nacht des 29. Dezembers von dem Blutbad - wenige hundert Meter vom "Centro Comunitario Nuestra Señora La Victoria" entfernt - erfuhren. Zunächst begleiteten sie Mayras Familie während der bangen Stunden im Hospital, anschließend in die Gerichtsmedizin und dann bei der Beisetzung ihrer Tochter. Diese geriet zu einem Aufbäumen und Protest der Menschen aus La Victoria gegen die Gewalt in ihrem Viertel und die immer brutaler ausgetragenen Revierkämpfe rivalisierender Drogengangs. 

Ein Kind aus dem Zentrum "Nuestra Señora de la Victoria" malt einen Schusswechsel zwischen einem Gangmitglied und der Polizei und überschreibt sein Bild mit der Forderung: "Schluss mit der Gewalt".

Mayras Eltern hatten inständig darum gebeten, dass es bei der Beerdigung ihres Kindes trotz der aufgeheizten Stimmung zu keinen Ausschreitungen kommt. Denn bereits unmittelbar nach den tödlichen Schüssen hatten Carabineros, Chiles uniformierte Polizei, mit Tränengas und Wasserwerfern aufgebrachte Nachbarn angegriffen, die spontan gegen die fehlende Sicherheit im Viertel protestierten und den Polizisten vorwarfen, vor den schwer bewaffneten Narko-Kriminellen kapituliert zu haben - oder noch fataler - gemeinsame Sache mit ihnen zu machen. Deshalb geriet der Trauerzug hinter dem Sarg von Mayra dann auch zu einem Hochrisiko-Event mit jeder Menge Polizei-Spezialeinheiten, was jedoch eine Gruppe junger Männer aus einer der La Victoria-Gangs nicht daran hinderte, mit viel Macho-Gehabe ostentativ Präsenz zu zeigen. 

Gangs, Gewalt und die verlorene Sicherheit

Mit wachsender Beklemmung beobachten Valentina Campos und Rosani Lagos seit langem den schleichenden Transformationsprozess der - seit 1957 und ihrer Gründung nach einer Landbesetzung durch wohnungssuchende Familien - für ihre Selbstorganisation und Nachbarschaftssolidarität legendären "Población La Victoria". Valentina Campos umschreibt ihre Stimmungslage und die ihrer Kolleginnen und Kollegen so: "Es ist, als ob wir ungebremst in einer Achterbahn sitzen würden, in der die Kurven immer enger und die Abstürze immer steiler werden." 

Dieses Gefühl des Verlusts von Sicherheit und der Ohnmacht angesichts der schleichenden Übernahme der Kontrolle über das vertraute Viertel durch kriminelle Gangs, die durch den Drogenverkauf und andere schwere Straftaten über sehr viel Geld verfügen, ist auch für viele andere in Armenvierteln engagierte kirchliche Initiativen und Organisationen in Chile zu einer der größten Herausforderung für ihre Arbeit geworden. Die Ursachen für die massive Zunahme von Gewalt, denen sich Kinder und Jugendliche, ihre Familien, aber auch die Teams in den Projekten ausgesetzt sehen, sind hochkomplex und vielschichtig: "Eine verhängnisvolle Rolle spielt ganz sicher - auch noch fünf Jahre danach - die Corona-Pandemie mit dem monatelangen Eingeschlossen-Sein", ist José Horacio Wood, Direktor der ökumenischen Stiftung "Fundación Anide", überzeugt: "Kinder und Jugendliche hatten fast zwei Jahre lang keine Möglichkeit, mit Gleichaltrigen außerhalb ihrer Familien zusammen zu sein. Sie erlebten den ständigen, massiven Stress zuhause und in ihrer Nachbarschaft – aber auch den brutalen Kampf um das tägliche Über-die-Runden-Kommen." Covid führte dazu, dass Nachbarn öffentliche Räume nicht mehr gemeinsam nutzten. Dafür übernahmen Gangs fast überall in den dichtbesiedelten Armenvierteln der großen Städte des südamerikanischen Landes die Kontrolle über Straßen und Plätze.

Außerdem stieg während der Pandemie der Konsum von Drogen besorgniserregend an, mit immer dichteren Kuriernetzwerken und ausgefeilteren Techniken der Haus-zu-Haus-Belieferung nach Online-Bestellung – ganz im Stil eines Pizza-Service. "Und natürlich wird um diese Märkte und das viele Geld, das hier verdient wird, mit allen Mitteln gekämpft", so José Horacio Wood: "Dass sich inzwischen in Chile internationale kriminelle Kartelle wie das berüchtigte ‚Tren de Aragua‘-Syndikat aus Venezuela festgesetzt haben und mit lokalen Gangs teils konkurrieren teils kooperieren, hat eindeutig zu einer Brutalisierung der Kämpfe um Territorien, Märkte und Macht beigetragen - und zu einer immer massiveren Bewaffnung dieser Banden." Die Liquidierung der beiden Jugendlichen aus Kolumbien, die auch Mayra das Leben kostete, war Teil eines solchen Machtkampfes.

Immer mehr Angriffe auf Lehrerinnen

Claudia Vera, die Anide-Programm- und Projektkoordinatorin, schlägt den Bogen zwischen der Normalisierung der Gewalt auf der Straße, dem, was Kinder an Gewalt in den eigenen vier Wänden erleben und den sich häufenden Episoden von Gewalt durch Eltern gegen Mitarbeitende in Krankenhäusern, Gesundheitsposten, Lehrerinnen und Lehrer – und auch Erzieherinnen in Projekten: "Kinder werden unmittelbar Zeugen, wie schnell Erwachsene selbst bei kleinsten Problemen die Kontrolle verlieren und Diskussionen in physischen Angriffen enden." Deshalb ist es für sie auch nicht überraschend, dass immer mehr Lehrerinnen und Lehrer berichten, von Schülern körperlich angegriffen zu werden.

Mit einem Altar den Toten gedenken.

"Einen Zauberstab, um dieser Gewalt in all ihren unterschiedlichen Facetten zu begegnen," sagt José Horacio Wood, "gibt es nicht". Aber es ist ihm ganz wichtig, das Problem in seiner ganzen Dimension zu sehen: "Wie immer hängt alles mit allem zusammen: Der ‚Erfolg‘ der bewaffneten Gangs in den Vierteln, ihre ‚Attraktivität‘ als Teil einer Macho-Kultur mit der Verheißung von Macht und schnellem Geld, ist auch das Ergebnis eines extreme Ungleichheit vertiefenden Wirtschaftssystems, das jungen Menschen aus Armenvierteln die Chance auf gute Bildung und ein ordentliches Auskommen verweigert." Und, fügt er hinzu, eines Staates, dessen politisch Verantwortliche nie verstanden haben, dass sein Schutzversprechen für alle gelten muss, nicht nur für die Reichsten und Privilegiertesten. 

Letztlich, so die Analyse von José Horacio Wood und Claudia Vera, ist es das von einer Verfassung voller autoritärer Elemente geschützte hyperkapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell, das in Chile der Gewalteskalation – etwa durch bis an die Zähne bewaffneter Drogengangs - Vorschub leistet. "Diese Narko-Kultur, die wir in den Armenvierteln der chilenischen Städte beobachten, fügt sich", sagt José Horacio Wood, "perfekt in die Verheißungen der Konsumwelt ein, die uns unablässig propagiert werden". Ablesen lässt sich das seiner Meinung nach etwa am Einkaufsverhalten der jungen Gang-Mitglieder: "Zum Shoppen geht es grundsätzlich in die teuersten Malls der Stadt", schildert Wood eigene Beobachtungen, "und eingekauft werden dann die hochpreisigen Marken-Turnschuhe, Uhren und Designer-Klamotten, immer in bar bezahlt - mit großen Scheinen".

Und noch ein Statussymbol ist zum festen Bestandteil dieser Gang-Kultur geworden: aufwändige Schönheitsoperationen, Brustvergrößerungen, Lippen-Aufspritzen für die Freundinnen der harten Jungs: "Enchulando a las pololas" – Freundinnen-Aufhübschen nennt sich das im Szene-Social Media-Sprech. "Wirklich fatal ist", fügt Claudia Vera hinzu, "dass es den Narko-Gangs gelingt, sich mit ihrem ganzen sexistischen Macho-Gehabe als coole Rebellen, als Systemsprenger zu gerieren – und damit eine unheimliche Attraktivität auf Jugendliche auszuüben".

Besonders anfällig in die Fänge einer der Gangs zu geraten, so beobachtet es das Projektteam des "Nuestra Señora de la Victoria"-Zentrums, sind männliche Jugendliche mit einem niedrigen Selbstwertgefühl, die für sich weder eine schulische noch eine berufliche Perspektive sehen: "Wenn dann bereits 14-Jährige am helllichten Tag offen auf der Straße mit ihren Waffen herumfuchteln", sagt Valentina Campos, "ist das wie ein Adrenalin-Kick, Macht, andere Menschen einzuschüchtern". Dazu passt ein makabrer Todeskult: Immer wieder bekommen sie und ihre Kolleginnen von den Jugendlichen zu hören: "Wenn ich erschossen werde, ist es dann eben so, aber vorher will ich noch richtig einen draufmachen und gut leben." 

Wie verwirrend und gebrochen die Trennlinien zwischen den Lagern in der Población La Victoria mittlerweile verlaufen, illustriert eine groteske Episode aus dem vergangenen Jahr, als aufgebrachte Nachbarn den örtlichen Posten der Carabineros stundenlang belagerten, um gegen die Untätigkeit der Polizei gegenüber den Narko-Gangs im Viertel zu protestieren – und es dann ausgerechnet schwerbewaffnete Bandenmitglieder waren, die die Demonstrantinnen und Demonstranten vertrieben, um einen Einsatz von zu Hilfe gerufenen "Fuerzas Especiales" der uniformierten Polizei zu verhindern.

Hoffnung durch Bildung und Gemeinschaft

In den Armenvierteln chilenischer Städte arbeitende kirchliche Organisationen haben angesichts dieser Entwicklung gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Bündnissen und Initiativen in den zurückliegenden Jahren ganz unterschiedliche Ansätze und Strategien entwickelt, um die Kinder und Jugendlichen in den Projekten bestmöglich zu schützen und sie dabei zu fördern, selbst Akteure gegen die Gewalt um sie herum zu sein. In La Victoria standen Valentina Campos, Rosani Lagos und ihr Team zuerst vor der extrem schwierigen Aufgabe, mit den Kindern im Projekt den Tod ihrer erschossenen Freundin Mayra zu verarbeiten. Claudia Vera und José Horacio Wood von der Stiftung Anide organisierten finanzielle Mittel der Kindernothilfe Österreich, um dafür auch professionellen therapeutischen Beistand zu erhalten. "Conversatorios" – frei übersetzt: Nachdenk- und Gesprächsrunden – nennt das La Victoria-Team die neu geschaffenen Formate, um altersgerecht mit den Kindern und Jugendlichen über Trauer und Verlust zu sprechen, aber auch die gewaltfreie Lösung von Konflikten einzuüben. Wie lassen sich Beziehungen untereinander verbessern, wie ist es möglich, zu streiten, ohne sich zu verletzten? Wie gehen wir mit Wut, wie mit Angst um? Und ganz wichtig: Wie können wir uns gegenseitig schützen, auf Gefahrensituationen aufmerksam machen?

"Ganz entscheidend", sagt Claudia Vera, "war in dieser Phase aber auch, mutig und lautstark einzufordern, dass Kinder ein Recht haben, sicher und ohne Bedrohung auf den Straßen und Plätze in ihrem Viertel spielen zu können, dort Musik zu machen, sich zu treffen, Spaß zu haben". Mit einer Gruppe von Müttern organisiert das La Victoria-Zentrum jeden Freitag Spiel-, Sport- und Kulturprogramme für Hunderte Kinder und Jugendliche im André-Jarlan-Park, der einzigen - nach dem, während des Pinochet-Regimes 1984 von der Polizei getöteten Pfarrer von La Victoria, benannten - Grünfläche des Armenviertels. Unterstützt werden sie dabei auch vom Radio "Comunitario La Victoria", einem der historischen chilenischen Bürgerradios. "Und natürlich geht es mehr denn je darum", erklärt José Horacio Wood, "alles Menschenmögliche zu unternehmen, um die Kinder und Jugendlichen zu motivieren, täglich zur Schule zu gehen, den Unterrichtsbesuch nicht abzubrechen. Noch nie war eine nachhaltige Bildungsperspektive für diese Kinder so wichtig wie heute."

Im Projekt "Centro Comunitario Belén El Cobre" der örtlichen katholischen Pfarrgemeinde "Sagrada Familia", im Südosten von Santiago, rund zehn Kilometer von La Victoria entfernt, wo vor drei Jahren ebenfalls drei Jugendliche, die in dem gleichnamigen Zentrum groß geworden sind, auf offener Straße bei einem Konflikt mit Drogendealern erschossen wurden, nennt das Team diese Wiederaneignung von öffentlichen Räumen: "Friedensorte schaffen!" Die gesamte Nachbarschaft wird eingeladen, während die Kinder aus dem Projekt einem Platz mitten im Armenviertel verschönern, Wandbilder malen, Ornamente mit bunten Steinen gestalten, Blumen pflanzen. Was auf den ersten Blick wie eine harmlose, sympathische Initiative wirkt, ist in Wirklichkeit ein kreativer Akt von Zivilcourage, weil er, sagt Claudia Vera, "zeigt, dass das Projekt-Team, die Jugendlichen und ihre Familien nicht bereit sind, sich den Regeln der Gangs und der Mechanik der von ihnen losgetretenen Gewaltspirale zu unterwerfen". 

Und im Projekt "Niñas y Niños sin Fronteras" im Norden von Santiago – einer 2002 gegründeten ökumenischen Organisation zur Verteidigung der Rechte von Kindern aus Flüchtlings- und MigrantInnen-Familien - haben sich Mütter zusammengeschlossen, um "Cuidadoras Colectivas" zu sein – Frauen, die gemeinsam ein Auge auf die Sicherheit ihrer Kinder haben. Sie begleiten Mädchen und Jungen, wenn sie spät noch auf den Straßen des Stadtteils Independencia unterwegs sein müssen, reden mit Kindern und ihren Eltern über mögliche Gefahrensituationen, trainieren untereinander den Umgang mit Risiko-Begegnungen und informieren das Colectivo-Projektteam und sich gegenseitig über die Präsenz und Aktivitäten von Personen und Gruppen, die ihnen verdächtig vorkommen.     

Aber auch das Sich-Erinnern – und angemessene Orte und Formen dafür – sind wichtig: So entschied das Projektteam des "Nuestra Señora de la Victoria"-Zentrums gemeinsam mit den Jugendlichen und den Eltern, in La Victoria ein Zeichen für mehr Chancen- und Bildungsgerechtigkeit zu setzen und ein Abiturs- und Hochschul-Vorbereitungsprogramm mit und für junge Leute aus dem Viertel aufzubauen. Der Name ist Programm: "Pre-Universitario Mayra Castillo".