Früher, als ARD und ZDF den hiesigen Fernsehmarkt unter sich aufteilten, gab es die Redensart "Das versendet sich". Mit der typischen Arroganz des Oligopols konnten die Sender gewisse Ungereimtheiten in Drehbüchern nonchalant ignorieren. Hin und wieder lässt sich heutzutage eine ähnliche Haltung beobachten: Mitunter scheint man die Hoffnung zu haben, dass kleinere Fehler in der unüberschaubaren Masse gerade des Reihenkrimiangebots vom tendenziell unaufmerksamen Publikum nicht wahrgenommen werden. Jeder Film wird redaktionell abgenommen. Dialoge lassen sich in der Nachsynchronisation korrigieren, aber Logiklöcher hätten bereits bei der Drehbuchabnahme auffallen müssen.
"Ostfriesenfluch", der sechste "Ostfrieslandkrimi" mit Picco von Groote als friesische Kommissarin Ann Kathrin Klaasen, ist ein gutes Beispiel für eine gewisse Sorglosigkeit im Detail. Großzügig ließe sich diese Haltung als elliptisch bezeichnen, ohnehin ja eine Grundvoraussetzung filmischen Erzählens, das bestimmte Bestandteile eines Vorgangs einfach weglässt: Jemand steigt ins Auto, fährt los und kommt an; die Fahrt wird ausgespart. Auf diese Weise drücken sich Buch (Dörte Franke) und Regie (Stephan Lacant) in der insgesamt zwölften Episode der Reihe um die Frage herum, wie es einem eher schmächtigen Mann gelingen kann, bewusstlose Frauen eine steile Leiter hinab in ein unterirdisches Verlies zu tragen; derlei ist schlechterdings unmöglich.
Darüber hinaus erweckt der Film einige Male den Eindruck, als fehle zwischendrin ein Puzzlestück. Geschlossen werden die Lücken durch Reviergespräche. In Reihen- und Serienkrimis sind diese Szenen unverzichtbar, weil sie in der Produktion wesentlich preiswerter sind als Außenaufnahmen, aber hier nehmen sie überhand, zumal des Öfteren im Dialog nachgetragen wird, was sich auch mit wenig Aufwand hätte realisieren lassen: Klaasens Kollege Rupert (Barnaby Metschurat) hat einen Verdächtigen überrascht, als der Mann wichtige Beweisstücke verbrennen wollte, aber das wird nicht gezeigt, sondern bloß erzählt.
Größeres und entscheidendes Manko des Films ist jedoch die Spannungsarmut. Dabei ist das Potenzial offenkundig: In der Kleinstadt Norden tummelt sich wieder mal wie so oft in den Romanvorlagen von Klaus-Peter Wolf ein Serientäter. Natürlich sind seine Opfer Frauen, und selbstredend muss Rupert den anderen Mitgliedern des Teams erklären, was ein Femizid ist: An jedem dritten Tag tötet ein Mann seine (Ex-)Partnerin. In "Ostfriesenfluch" geht es, auch das ein mittlerweile recht abgenutztes Tatmotiv, um die Rache an der Mutter, wie sich schließlich zeigt.
Tilmann P. Gangloff, Diplom-Journalist und regelmäßiges Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, schreibt freiberuflich unter anderem für das Portal evangelisch.de täglich TV-Tipps und setzt sich auch für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Auszeichnung: 2023 Bert-Donnepp-Preis - Deutscher Preis für Medienpublizistik (des Vereins der Freunde des Adolf-Grimme-Preises).
Immerhin ist zumindest die Vorgehensweise des Täters originell: Der Mann pickt sich Paare heraus, in denen es kriselt. Er entführt die Frauen und zwingt sie, sich in einem luftigen Sommerkleid durch ein blühendes Rapsfeld zu bewegen. Damit ist nicht zu viel verraten, denn so beginnt der Film auch: Ein Autofahrer ist auf die bizarre Szenerie aufmerksam geworden und spricht den Mann an, deshalb gibt es nun zwei Tote. Wie üblich überprüfen Klaasen und ihr privater wie beruflicher Partner Weller (Christian Erdmann) erst mal das Umfeld des Opfers und stoßen in der Tat auf einen äußerst eifersüchtigen Ehemann (Christian Beermann), der zudem wusste, dass seine Frau ein Verhältnis hatte, aber keineswegs mit ihrem Kollegen, wie er glaubt.
Dieses Geheimnis lässt der Film erst mal offen. In der Zwischenzeit entführt der Täter, der bei den Begegnungen mit seinen Opfern eine ähnliche Maske wie Michael Myers in den "Halloween"-Filmen trägt, zwei weitere Frauen. Die befinden sich nun beide auf einem abgelegenen Bauernhof unter der Erde, sind aber zum Glück noch lebendig. Auf dem Hof findet Klaasen auch die Antwort auf die Frage nach dem zumindest im Rahmen des Genres durchaus schlüssigen Motiv. Einigermaßen fesselnd wird der Film allerdings erst zum Finale. Der dritte Akt entschädigt in der Tat für einigen Leerlauf zuvor, zumal nun klar wird, warum sich der Mann – "Bullerbü wird brennen!" – derart durch "verlogenes bürgerliches Familienglück" provoziert fühlt.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Subebene über die Flüchtigkeit des Glücks. Das scheint selbst für Klaasen und Weller zu gelten, deren Beziehung zwischenzeitlich durch zunächst nicht näher erklärte Umstände erheblich getrübt zu sein scheint. Auch diese Spannung löst sich gegen Ende. Ihre Dramatik verdankt die lange Schlussszene allerdings vor allem der Konstellation, als gleich fünf Leben auf dem Spiel stehen, und weniger der Inszenierung.