Neue Figuren sind der einfachste Weg, Leben in die Bude zu bringen. Also stellt sich im insgesamt fünften Film der Reihe mit ChrisTine Urspruch als Leipziger Anwältin mit Herz überraschend heraus, dass ihr Freund und Kollege eine ältere Schwester hat. Die Frau entspricht zwar bis hin zum klapprigen VW-Bus exakt dem freitags im "Ersten" gern bedienten Hippieklischee, entpuppt sich aber als Spaltpilz: Connie (Clelia Sarto), als Lebenskünstlerin in jeder Hinsicht umtriebig, behauptet, sie sei anlässlich des bevorstehenden Geburtstags ihres jüngsten Neffen gekommen, aber tatsächlich kann sie sich vorstellen, wieder bei der Mutter (Tatja Seibt) einzuziehen.
Deren Eigenheim bietet zwar in der Tat viel Platz, aber hier leben ja auch Hanno (Wolfram Grandezka) und seinen Nachwuchs. Eigentlich hatte er gehofft, dass Eva irgendwann die WG komplettiert, aber in Anlehnung an das klassische Western-Motto ist klar: Dieses Haus wäre nicht groß genug für die beiden Frauen. Hannos Kinder hingegen verehren die unkonventionelle Frohnatur, zumal sie das komplette Gegenstück zu ihrem korrekten Vater ist; prompt wird der gerade erst mühsam geschlossene Waffenstillstand zwischen Eva und Tochter Lili (Lola Höller) wieder brüchig. Blut ist eben dicker als Wasser, wie Connie mitleidlos feststellt.
Den zweiten Handlungsstrang hat Produzent Torsten Lenkeit, als Autor bislang an allen Drehbüchern der Reihe beteiligt, ebenfalls heiter verpackt, obwohl es um ein Thema geht, das viele Großstadtbewohner betrifft: Der Vermieter will zwei Nachbarinnen Evas vor die Tür setzen. Gekündigt hat er bereits, nun folgt die Räumungsklage. In ihrer Not wenden sich die beiden Schwestern Renate und Anne Christ (Carmen-Maja Antoni, Barbara Schnitzler) an die Juristin, die alsbald ahnt, dass der angebliche Eigenbedarf bloß vorgeschoben ist. Die beiden alten Frauen, "zwei unbemannte Raumschiffe", wie Evas Assistentin Sissi (Karmela Shako) sie nennt, leben seit dreißig Jahren hier, sie sind im Viertel verwurzelt.
Tilmann P. Gangloff, Diplom-Journalist und regelmäßiges Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, schreibt freiberuflich unter anderem für das Portal evangelisch.de täglich TV-Tipps und setzt sich auch für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Auszeichnung: 2023 Bert-Donnepp-Preis - Deutscher Preis für Medienpublizistik (des Vereins der Freunde des Adolf-Grimme-Preises).
Ihr Mietvertrag ist günstig; eine vergleichbare Wohnung in der vertrauten Umgebung könnten sie sich mit ihren schmalen Renten gar nicht leisten. Außerdem hat sich Anne sehr zum Missfallen ihrer älteren Schwester gerade erst auf die Avancen eines charmanten Nachbarn (Frieder Venus) eingelassen, doch auch ihm droht die Wohnungskündigung. Lenkeit beschönigt den Skandal nicht, aber bislang hat Eva Schatz Probleme dieser Art stets gelöst. Außerdem versieht schon der Auftakt diese Ebene mit einem beschwingten Vorzeichen: Die Anwältin erledigt ihren Hausputz leicht bekleidet und tanzend zu den Klängen von Irene Caras Hit "Flashdance".
Es ist ohnehin interessant, wie die Filme regelmäßig den Körper der Hauptdarstellerin inszenieren: Wenn Menschen physisch nicht der vermeintlichen Norm entsprechen, werden sie meist auch asexuell dargestellt, aber bei "Einspruch, Schatz!" gibt es in jeder Episode eine Bettszene. Witzig sind auch die kleinen Anspielungen von Evas Vater (Jochen Busse) auf das Längendefizit seiner Tochter. Die Bemerkungen sind im Grunde harmlos, aber in Zeiten omnipräsenter Goldwaagen durchaus gewagt.
Musik spielt ebenfalls eine große Rolle für die Atmosphäre der Reihe, zumal die Stücke gern einen Bezug zur Handlung haben: Leitmotiv für die juristische Ebene ist die bekannte "Habanera"-Melodie aus der Oper "Carmen", und wenn Sissi wegen ihrer jüngsten Eroberung (Nils Brunkhorst) wieder mal ganz wuschig wird, erklingt "You Can Leave Your Hat On" von Joe Cocker. Zunächst hat es den Anschein, als würden Lenkeit und Regisseurin Annette Ernst der Romanze mit Barbesitzer Kevin unnötig viel Zeit einräumen; die dramaturgische Bedeutung der Liaison zeigt sich erst später.
Der Rhythmus von "Fame" fährt selbst der mürrischen Hausmeisterin Renate in die alten Knochen, während sie den Hof fegt; das hält sie jedoch nicht davon ab, Eva anschließend zur Ordnung zu rufen. Den Zwist mit Vermieter Ortlieb (Tom Quaas) will sie ohnehin selber regeln, muss allerdings bald einsehen, dass sie gegen den gewieften Hausbesitzer keine Chance hat. Prompt fällt der Satz "Wir seh’n uns vor Gericht", denn Lenkeit macht sich zunutze, was schon 2023 den Auftakt prägte: Anwalt des selbstredend betrügerischen Hausbesitzers ist niemand anders als Hanno.
Ein bisschen Ostalgie schwingt auch mit: "Früher war mehr Zusammenhalt", stellt Renate verbittert fest, als sich der Vermieter nicht erweichen lässt. Auch Eva appelliert vergeblich an Ortliebs soziales Gewissen. Dafür findet sie in seinem Sohn (Justus Czaja) einen unverhofften Verbündeten; Blut ist eben doch nicht immer dicker als Wasser.