Missbrauchs-Fonds streckt kein Geld mehr vor - Betroffene empört

Missbrauchs-Fonds streckt kein Geld mehr vor - Betroffene empört

Berlin (epd). Der von der Bundesregierung eingerichtete Fonds Sexueller Missbrauch streckt Betroffenen seit dem Jahreswechsel kein Geld mehr vor. „Die notwendig gewordenen Änderungen im Rahmen einer neuen Richtlinie“ führten dazu, dass Vorauszahlungen „nicht mehr möglich“ seien, teilte das Bundesfamilienministerium dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Mittwoch auf Anfrage mit. Betroffenenvertretungen und Fachberatungsstellen reagierten empört.

Bei dem Fonds können Betroffene seit 2013 Hilfen beantragen, die über Leistungen der Kranken- oder Pflegekassen oder andere Unterstützungen hinausgehen. Zunächst sollten Anträge nur bis zum Frühjahr 2016 gestellt werden können; diese Frist hob das Familienministerium aber auf. Insgesamt flossen bis 2023 rund 164 Millionen Euro in den Fonds, danach stellte der Bund kein frisches Geld mehr zur Verfügung.

Der Bundesrechnungshof äußerte im April 2024 scharfe Kritik an dem Fonds und verlangte dessen Abwicklung. „Infolgedessen forderten der Rechnungsprüfungsausschuss des Deutschen Bundestages und das Bundesfinanzministerium das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf, die Verfahren ab 2025 anzupassen“, erklärte das Familienministerium. Dem Ressort sei bewusst, dass die Umstellung „mit Herausforderungen und weiteren Belastungen für die Antragstellenden verbunden sein können“.

Betroffene müssen nun die beantragten Leistungen zunächst selbst zahlen und können sich das Geld dann vom Fonds erstatten lassen. Diese Vorleistung könnten aber „viele Betroffene nicht erbringen“, erklärte der Betroffenenrat bei der unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs zuvor. „Für den Betroffenenrat ist die billigend in Kauf genommene Diskriminierung finanziell benachteiligter Betroffener Ausdruck eines fehlenden Verständnisses für die sozioökonomischen Folgen sexualisierter Gewalt.“

Ähnlich äußerte sich Dorothea Zimmermann, die Geschäftsführerin von Wildwasser, einer Berliner Beratungsstelle für missbrauchsbetroffene Mädchen und Frauen. Viele Menschen mit Missbrauchserfahrung seien „schlicht nicht in der Lage, etwas selber vorzufinanzieren oder sich das Geld im Umfeld zu leihen“, sagte Zimmermann dem epd. „Bei uns betrifft das sicher 90 Prozent der Klientinnen. Die werden jetzt total abgeschreckt, überhaupt noch einen Antrag zu stellen.“