In den 1990er Jahren soll ein Jugendmitarbeiter des damaligen Kirchenkreises Kiel systematisch minderjährige Pfadfinderinnen und Pfadfindern missbraucht haben. Das teilten der evangelische Kirchenkreis Altholstein und der Verband christlicher Pfadfinder:innen (VCP) mit.
"Wir wissen konkret von 13 Betroffenen und müssen von einer nennenswerten Dunkelziffer ausgehen", sagte Anna Benkiser-Eklund, Pastorin der Kompassgemeinde. Auch sei zu befürchten, "dass der Suizid eines jungen Menschen mit den Vorfällen in Verbindung steht".
Der Beschuldigte war zur Tatzeit Mitte 30 Jahre alt. Er leitete Gruppen des Pfadfinderstammes St. Michael, der dem VCP angehört. Eine anonyme E-Mail an leitende Pfadfinder vor einem Jahr, die sich auf die Ereignisse in den 1990er Jahren bezog, enthielt schwere Anschuldigungen. "Wir haben den ehemaligen Jugendmitarbeiter gleich darauf bei der Polizei angezeigt", sagte Almut Witt, Pröpstin des Kirchenkreises Altholstein. Die Behörden hätten die Ermittlungen aber eingestellt, da die Taten verjährt seien. "Das bedauern wir außerordentlich."
Witt sieht es nach Gesprächen mit Betroffenen und Zeugen als zweifelsfrei erwiesen an, dass der Mann damals über Jahre ein perfides System des sexuellen Missbrauchs betrieben hat. "Der Täter hat seine Macht ausgenutzt, um Minderjährigen sowohl psychisch als auch körperlich Gewalt anzutun. Er hat gezielt Jugendliche wie Erwachsene manipuliert und durch seine Fassade als Vorzeige-Jugendmitarbeiter getäuscht", sagte sie. Er habe sowohl Mädchen als auch Jungen missbraucht.
Vorwürfe nicht bestritten
Bereits 1997 hätten sich Mitglieder des Pfadfinderstammes an die beiden Pastoren der Kirchengemeinde gewandt, hieß es schon vor einem Jahr. Der Beschuldigte habe die konkreten Übergriffe seinerzeit nicht bestritten. Sein Arbeitsverhältnis sei daraufhin zum 30. November 1997 aufgelöst worden. Zudem habe er die Auflagen erhalten, eine Tätertherapie zu machen und aus dem Stadtteil wegzuziehen. Auf Wunsch der Betroffenen sei damals von einer Strafanzeige abgesehen worden.
"Es hatten sich damals zwei Personen gemeldet. Dass sie keine Anzeige gestellt haben, dürfte in erster Linie darin begründet gewesen sein, dass sie davon ausgingen, die beiden einzigen Betroffenen zu sein", sagte Witt. Jedem Betroffenen zu sagen, er oder sie sei "der Einzige, mit dem ich diese Art von Beziehung habe", sei Teil des perfiden Systems des Beschuldigten gewesen.
Schwere Versäumnisse bei Verantwortlichen
Witt finde es "erschütternd, was den jungen Menschen damals unter dem Dach der Kirche und im Bereich der Pfadfinder:innenschaft widerfahren ist". Dass es zu den Taten kommen konnte, habe unter anderem daran gelegen, dass der Beschuldigte in dem Pfadfinderstamm Strukturen initiierte, "die eine ganz hohe Abhängigkeit der jungen Menschen von ihm zur Folge hatten". Zudem sei die Kirche ein Ort gewesen, an dem Nähe und Vertrauen herrschten. "Dinge, die wir im Guten miteinander leben, die der Beschuldigte aber ausgenutzt hat", sagte Witt.
Laut Folke Brodersen, Vertrauensperson des VCP, hätten Gespräche mit Zeitzeugen und Betroffenen deutlich gemacht, "dass sich damals alle mit der Situation überfordert fühlten". Auch knapp 30 Jahre nach den Vorfällen widersprächen sich Äußerungen und Einschätzungen. "Es ist unklar, wer genau nicht ausreichend gehandelt hat und warum. Sicher ist jedoch, dass es schwere Versäumnisse sowohl von Seiten der Pfadfinderschaft als auch von Verantwortlichen der Kirche gegeben hat."
Brodersen, Witt und Benkiser-Eklund erklärten, die Geschehnisse von damals seien durch nichts zu entschuldigen. Den Betroffenen sei unermessliches Leid zugefügt worden. Die Verantwortlichen damals hätten versagt. So etwas dürfe sich nicht wiederholen.
Witt sagte, sie halte es "für wahrscheinlich, dass der Täter auch später noch außerhalb der Kirche mit Jugendlichen engen Kontakt hatte und den Missbrauch in Kiel fortgesetzt hat". Sie bitte alle Zeuginnen, Zeugen und Betroffenen: "Gehen Sie zur Polizei! Möglicherweise sind spätere Straftaten nicht verjährt, und der Täter kann doch noch zur Rechenschaft gezogen werden."