Sarah Vecera ist stellvertretende Leiterin der Abteilung Deutschland der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) und Bildungsreferentin mit dem Schwerpunkt: Rassismus und Kirche. Auf evangelisch.de ist sie regelmäßig mit ihrem Podcast "Stachel und Herz" vertreten.
evangelisch.de: Verschiedene Autor:innen teilen in diesem Buch ihre Geschichte(n), persönlich, faktisch oder mit dem Blick auf Krisen, Debatten und Widerstände. Sie sprechen beispielsweise über ihr Leben als alleinerziehende Mutter, offenbaren ihr "anders" sein, zeigen sich verletzlich, unsicher und verwundbar. "Für eine vielfältige und gerechte Zukunft" lautet der Untertitel ihres Buches. Welche Rolle spielt der persönliche Blickwinkel der Autor:innen für Sie dabei?
Sarah Vecera: Die Blickwinkel der unterschiedlichen Menschen spielen eine entscheidende Rolle in dem Buch. Durch die Vielfalt der Autor:innen werden verschiedene Formen der Diskriminierung und ihre Überschneidungen sichtbar - zum Beispiel die eines queeren pflegenden Elternteils. Unterdrückungssysteme wollen uns vor allem emotional voneinander trennen. Sobald wir Menschen und ihre Perspektiven kennenlernen, fühlen wir auch mehr miteinander und können so über die Grenzen von Diskriminierung hinweggehen und diese überwinden. Manche Widerstände werden dadurch weniger, sodass wir uns zuhören. Ich hätte auch selbst über Diskriminierungsformen schreiben können, von denen ich weder betroffen noch Expertin bin, aber über Menschen wird oft genug aktuell in ihrer Abwesenheit gesprochen und wir sehen gesamtgesellschaftlich, dass das nicht unbedingt zu mehr Verständigung beiträgt.
Was beinhaltet das "Gemeinsam anders" werden für Sie alles?
Vecera: Für mich bedeutet das, dass wir aus unterschiedlichen Perspektiven zusammenstehen und gemeinsam für Gerechtigkeit kämpfen. Es geht darum, die Verflechtungen verschiedener Diskriminierungsformen zu erkennen und ganzheitlich anzugehen - sei es Rassismus, Sexismus, die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt oder die Klimakrise.
"Es ist ein Aufruf, unsere Unterschiede als Stärke zu sehen und gemeinsam neue Wege zu gehen"
Ich sehe die Kirche als einen Ort, der Vielfalt und Inklusion leben und alle Menschen willkommen heißen sollte. Das erfordert von uns allen kritische Selbstreflexion und die Bereitschaft, sich ganz persönlich zu hinterfragen. "Gemeinsam anders" bedeutet für mich aber auch, die Kraft der Gemeinschaft zu nutzen, um echte Veränderungen in Kirche und Gesellschaft anzustoßen. Trotz aller Herausforderungen geht es darum, Hoffnung und Zuversicht zu bewahren und gemeinsam an einer gerechteren Zukunft zu arbeiten. Es ist ein Aufruf, unsere Unterschiede als Stärke zu sehen und gemeinsam neue Wege zu gehen.
Warum ist es Zeit für so ein Werk?
Vecera: Es ist aus mehreren Gründen Zeit für dieses Buch. Wir leben in einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung und hitziger Debatten. Unser Buch bietet eine Plattform für diverse Stimmen und Perspektiven, um einen konstruktiven Dialog zu fördern. Gleichzeitig erleben wir einen wachsenden Rechtsruck und zunehmenden Rassismus in der Gesellschaft. Wir stellen uns dem entgegen, indem wir marginalisierte Stimmen zu Wort kommen lassen und für Vielfalt und Inklusion eintreten.
"Wir bieten Denkanstöße für ein solidarisches Miteinander in einer diversen Gesellschaft"
Die Kirche steht vor großen Herausforderungen wie Mitgliederschwund und Vertrauensverlust. Unser Buch regt eine kritische Selbstreflexion der Kirche an und zeigt Wege zu mehr Offenheit und Diversität auf. Viele Menschen fühlen sich in Kirche und Gesellschaft nicht repräsentiert oder willkommen. Wir geben ihnen eine Stimme und fordern mehr Teilhabe für alle. Zudem besteht ein wachsendes Bewusstsein für Themen wie Rassismus, Queerfeindlichkeit, Klassismus und Ableismus. Unser Buch greift diese Themen auf und fordert zum Handeln auf. In Zeiten multipler Krisen suchen Menschen nach Orientierung und Gemeinschaft. Wir bieten Denkanstöße für ein solidarisches Miteinander in einer diversen Gesellschaft. Das Buch kommt somit zur absolut richtigen Zeit, um wichtige gesellschaftliche Debatten anzustoßen und Wege in eine gerechtere, vielfältigere Zukunft aufzuzeigen.
Sie wurden in Leipzig bei einer Lesung angegriffen. Anlass war unter anderem die Frage, wann Jesus weiß wurde. War das ein Motivator oder hat diese negative Erfahrung Sie in ihrem Schwung begrenzt?
Vecera: Einen rassistischen körperlichen Angriff auf mich als Motivator zu sehen, würde die mir angetane Gewalt verschleiern. Es hat mich in erster Linie nicht motiviert, sondern mir mein Sicherheitsgefühl bis heute genommen. Damit steige ich im Prolog des Buches ein, um deutlich zu machen, wie ernst die Lage ist. Es geht nicht nur um Befindlichkeiten – es geht um Menschenleben. Die mir zugeteilte Solidarität unter Menschen, die selbst Gewalt und Ausgrenzung erlebt haben, hat im Nachhinein für wichtige Bündnisse gesorgt, aus denen das Buch entstanden ist.
In diesem Werk reicht das Spektrum von Rassismus über Missbrauch bis hin zum Thema Klima und Sexarbeit. Wie kam die Auswahl der Themen und der beteiligten Autor:innen zustande?
Vecera: Durch meine Antirassismusarbeit in der Kirche und vor allem durch unseren Podcast "Stachel und Herz" habe ich die meisten Co-Autor:innen des Buches in den letzten Jahren kennengelernt und wir haben immer wieder in Gesprächen festgestellt, dass die Widerstände sehr ähnlich sind und wir alle gegen ausgrenzende Strukturen und System ankämpfen. Unsere Kämpfe für Gerechtigkeit sind sehr ähnlich. Warum sollen wir weiterhin als Einzelkämpfer:innen unterwegs sein, wenn wir das selbe Ziel verfolgen: eine gerechte Gesellschaft und Kirche für uns alle.
Können Sie mir Stellen aus dem Buch benennen, die Sie als Herausgeberin und Autorin besonders berührt haben?
Vecera: Jeder Artikel und jede Person hat mich in ihrem Beitrag berührt und die Entscheidung fällt mir nicht leicht. Diese drei Zitate aber in ihrer Komposition berühren mich und fassen vieles aus dem Buch ganz gut zusammen.
Detlev Zander: "Die Kirche hat eine besondere Verantwortung, sich ihrer Geschichte zu stellen - gerade auch den dunklen Kapiteln. Nur so kann sie glaubwürdig für Gerechtigkeit und Versöhnung eintreten."
Austen Brandt: "Es dauerte etwa 25 Jahre, bis ich den Schmerz, den der Rassismus in mir ausgelöst hatte, so weit bearbeiten konnte, dass er mich nicht mehr niederdrückte. Er hat nicht das Recht, mir meine Freundlichkeit zu nehmen."
Julia Schönbeck: "Inklusion muss keine Freude machen! Wir tun manchmal so, als wäre sie ein Akt reiner Güte, purer Nächstenliebe, als wäre sie nichts als Fürsorge. Aber Inklusion ist in allererster Linie ein Menschenrecht."
Sie machen deutlich, dass eine tiefgreifende Aufarbeitung vieler vermeintlicher Selbstverständlichkeiten notwendig sind und dass es nicht um Kleinigkeiten, sondern um Menschenrechte geht. Manche Autor:innen, wie Austen Brandt, sind schon so lange auf dem Weg und leisten wertvolle Arbeit, die es möglich machte, dass wir heute so weit gekommen sind. Am meisten beeindruckt mich dabei, dass sie auf ihrem Weg nicht verbittert sind, sondern Freude an dem empfinden, das sie tun.
Rassismus und Ausgrenzung gibt es gefühlt schon immer und die Zeiten scheinen eher wieder verstärkend auf Ausgrenzung statt auf mehr gemeinsame Vielfalt zu verweisen. Für wie realistisch betrachten Sie es, dass ein "anders werden" in der Kirche gelingen kann?
Vecera: Mir begegnen in der Kirche überwiegend Menschen, die sich ein "anders werden" wünschen und eine Gemeinschaft gestalten wollen, die für alle sicher und offen ist. Sie wissen oft nur nicht wie. Dass sie es aber wollen ist eine gute Voraussetzung und das gibt mir auch Hoffnung, dass wir einiges auf den Weg bringen können. Unterdrückungssysteme wie den 500-jährigen global herangewachsenen Rassismus können wir nicht mal eben schnell aus der Welt und auch nicht aus der Kirche verbannen, aber wir sind auf dem Weg. Als Jugendliche hätte ich niemals für möglich gehalten, dass wir heute so offen darüber sprechen. Das war ein Tabu. Und die Gespräche heute zeigen mir schon jetzt, dass es anders wird. Es wird ein langer Weg, aber wir gehen ihn.
Was sind die größten Herausforderungen, welche die Kirche stemmen müsste?
Vecera: Das kann ich kurz und präzise beantworten: Sich selbstkritisch in den Blick zu nehmen. Die eigene Struktur, aber auch das individuelle Denken und die eigene Prägung. Dazu braucht es einen liebevollen Blick auf sich selbst und auch gegenseitig. Dabei hilft das Buch hoffentlich.
Sie fordern uns auf, dass wir uns daran beteiligen sollen, es besser zu machen. Hätten Sie ein paar alltagstaugliche Tipps für unsere Leser:innen, die sich leicht umsetzen lassen würden?
Vecera: Wir waren gerade auf Konzertlesetour quer durch Deutschland. Judy Bailey, Patrick Depuhl und ich saßen jeden Abend an Küchentischen und luden ein, ehrliche und offene Gespräche zu führen. Wir teilten sehr persönliche Einblicke in unsere Leben. Die Abende waren sehr berührend und öffneten die Herzen und Ohren der Menschen. Vielleicht steckt die Lösung im Kleinen: an Küchentischen sitzen, sich respektvoll und interessiert mit einem liebevollen Blick zuhören.
Das Buch "Gemeinsam anders– für eine vielfältige und gerechte Zukunft" ist im Droemer Knaur Verlag erschienen.