Allein in Sachsenhausen kommen jedes Jahr mehr als eine halbe Million Besucher in die Gedenkstätte. Es sind Schulklassen, geführte Besuchergruppen oder Einzelbesucher. Die allermeisten von ihnen wollen sich am authentischen Ort ein Bild von den Grauen im Nationalsozialismus machen. Doch immer öfters kommt es zu Schmierereien, Relativierungen und Verharmlosungen des NS-Terrors. Tendenz steigend. Mit den großen Wahlerfolgen der AfD gerade in Ostdeutschland wird das Problem offensichtlich immer größer.
Vor sieben Jahren, also 2018, kam eine Besuchergruppe aus dem Wahlkreis der AfD-Bundestagsabgeordneten Alice Weidel in die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen. Von Teilnehmern dieser AfD-Besuchsgruppe wurde die Existenz von Gaskammern geleugnet. Es kam im Nachgang zu einem Gerichtsprozess mit einer Verurteilung. "Eine Entschuldigung gab es nicht. Es gab eine Reaktion in dem Sinne, dass Frau Weidel gesagt hat beziehungsweise aus ihrem Büro die Meldung kam, sie sei ja nicht dabei gewesen", erinnert sich Axel Drecoll, Leiter der Gedenkstätte KZ Sachsenhausen.
Der Vorfall blieb kein Einzelfall. In der Gedenkstätte Sachsenhausen und ihrem Umfeld wurden 2024 genau 52 Vorfälle registriert. Darunter sind 29 Feedback-Postkarten mit antisemitischen/israelfeindlichen sowie rechtsextremen Inhalten. Die übrigen Fälle sind auf dem Gedenkstättengelände, im digitalen Raum sowie im Umfeld (8 Vorfälle) der Gedenkstätte lokalisiert, darunter rassistische Beleidigungen, Zeigen des Hitlergrußes, Sachbeschädigungen, Propagandadelikte, (z. B. Hakenkreuzschmiererei), rechte Sprüche bei Führungen, rechte Schmäh- und Hass-Mails.
Das zweite Problem stellen seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 antisemitisch israelbezogene Vorfälle dar. Etwa die Anbringung eines Palästinensertuchs am Denkmal "Müttergruppe". Es hat auch jüdische Schülergruppen gegeben, die auf "free-palestine"-T-Shirt-tragende Besucher auf dem Gelände gestoßen sind. Die größten Probleme bereiteten aber die Störungen von rechts, sagt Drecoll: "Gerade in den letzten zwei, zweieinhalb Jahren gehört das eher zur Normalität als zur Ausnahme. Wir hatten bis 2022 in etwa 12 Fälle pro Jahr. Also einen pro Monat statistisch gesehen. Und wir haben mittlerweile 2024 deutlich über 50 Vorfälle."
Die KZ-Gedenkstätte Sachenhausen ist ein offenes Gelände und kann von jedem ohne Kontrolle betreten werden. Die meisten Vorfälle werden somit erst im Nachhinein entdeckt, zum Beispiel Schmierereien: "Es wird Zeit, dass Hitler wieder aufersteht und hier mal für Ordnung sorgt. Heil Hitler." Es können Aufkleber sein aus dem rechtsextremen Spektrum. Immer mehr berichten auch nach Führungen die Guides, dass in Gruppen gar nicht unbedingt die Verbrechen in Frage gestellt werden. Aber der negative Charakter der Verbrechen wird in Zweifel gezogen."
Provokationen und Holocaust-Leugner
Holocaust-Leugnern falle es leicht, alles in Frage zu stellen. Etwa wo denn die Beweise seien. Schließlich sehe man ja heute nicht mehr alles. Die von der KZ-Gedenkstätte zertifizierten Guides müssten dann selbst entscheiden, ob sie auf solche Provokationen eingehen oder notfalls die Führung abbrechen.
"Ich weiß aber, dass es schon Führungen gibt, bei denen mir Guides berichten: 'Na ja, das war schon eine skeptische Gruppe. Da war ich mir nicht sicher, wie politisch die eigentlich eingestellt waren, aber ich hatte den Eindruck, dass nach 90 Minuten auf einmal dann doch eine positive Stille und ein Nachdenken eingekehrt ist'", berichtet KZ-Gedenkstättenleiter Drecoll.
Pro Jahr finden auf dem Gelände rund 8.000 Führungen statt. Doch immer mehr wollen gar nicht zuhören und kommen nur, um zu provozieren. Und das liege auch daran, dass genau die Partei im Osten Deutschlands große Wahlerfolge erringt, in deren Reihen gesichert Rechtsextreme sitzen und die den Nationalsozialismus als Vogelschiss in der deutschen Geschichte relativieren will, sagt Drecoll.
Offener Disput mit der AfD
Auch die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora meldet auf Nachfrage einen deutlich erkennbaren Anstieg an Störungen. Wohl auch deswegen, weil der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora Jens-Christian Wagner mittlerweile in einem offenen Disput mit der AfD steht. Vor der Landtagswahl in Thüringen versuchte der Landesverband der Alternative für Deutschland (AfD) der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora gerichtlich zu untersagen, etwa in einem offenen Brief auf geschichtsrevisionistische Äußerungen von Parteivertretern hinzuweisen, die die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus beschädigen. Schon zuvor hatte der Direktor der Stiftung Gedenkstätten in Thüringen Morddrohungen erhalten.
Das Verwaltungsgericht Weimar stellte in seinem Beschluss (5. November 2024) jedoch grundsätzlich fest: Die Stiftung "ist berechtigt, in aktuelle Diskussionen zu den Opfern, deren in den Gedenkstätten der Antragsgegnerin gedacht wird, einzutreten und selbst zu allen Fragen im Zusammenhang mit den Opfern und zu der Gestaltung der Erinnerungsarbeit Stellung zu nehmen." Und weiter: "Aus dem Stiftungszweck ergibt sich die Befugnis der aktiven Ausgestaltung des Gedenkens in Form der sachlichen Einordnung und Bewertung politischer Äußerung, die einen Bezug zu der Würde der Opfer haben. [Die Stiftung] ist die Stimme der Opfer, die selbst nicht mehr aktiv an der Erinnerungsarbeit teilnehmen können."
Solche direkten Auseinandersetzungen mit der AfD-Landtagsfraktion erlebt Axel Drecoll in Brandenburg derzeit nicht. Aber ihre Gefährlichkeit ist ihm dennoch bewusst: "Denn auch die AfD geht ja mit Begriffen um wie Schicksalsgemeinschaft, deutsche Kultur dem deutschen Volk. Und ich bin der festen Überzeugung, dass die Erinnerungskultur das diametrale Gegenteil bezwecken muss, nämlich zu zeigen, dass diese Homogenitätsvorstellungen nicht nur absurd sind, sondern brandgefährlich."
Denn genau die Menschen, die den Homogenitätsvorstellungen der Nazis nicht entsprachen, landeten damals im Konzentrationslager. Der Leiter der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen macht sich Sorgen, was werden soll, wenn die AfD noch stärker wird und irgendwann sogar in die Regierung kommt. Dann befürchtet er eine unkritische Deutschtümelei ohne Abstand zum Nationalsozialismus.
"Dann gilt: Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen! Die Schicksalsgemeinschaft des deutschen Volkes. Das bedeutet eben nicht eine kritische Reflexion der eigenen Vergangenheit. Das konterkariert nicht nur unsere eigene Arbeit. Es ist vollkommen ungeeignet, um in der Welt, in der wir leben, Gegenwart und Zukunft analysieren zu können. Wenn man da in die Vergangenheit blickt, kann einem nur angst und bange werden."