Aachen (epd). Das katholische Hilfswerk Missio Aachen räumt eine Mitverantwortung für Missbrauchstaten eines 1991 gestorbenen Priesters ein. Der nun veröffentlichte Abschlussbericht zur Untersuchung der Zusammenarbeit von Missio mit Leonhard Meurer, dem mehrfacher sexueller Missbrauch an minderjährigen Mädchen bis in die 1980er Jahre vorgeworfen wird, belege eine frühe Kenntnis des Hilfswerks von den Missbrauchstaten, teilte Missio am Dienstag in Aachen mit. Der Bericht zeige, dass die damaligen Verantwortlichen bei Missio Aachen spätestens seit 1978 Kenntnis von den Missbrauchstaten Meurers gehabt haben mussten und sich dennoch für eine Zusammenarbeit entschieden. „Diese damals getroffenen Entscheidungen waren falsch. Missio Aachen bedauert dies zutiefst“, erklärte das Hilfswerk.
Missio Aachen sei damit „Teil eines kirchlichen Systems des absichtlichen Wegschauens und der Vertuschung“ gewesen, hieß es. Man habe die Gefahr möglicher weiterer Missbrauchstaten durch Meurer - etwa durch eine 1979 von Missio Aachen finanzierte Reise nach Westafrika sowie seinen Einsatz bei den Missionssonntagen - in Kauf genommen.
Meurer war Priester des Bistums Aachen und arbeitete den Angaben nach ab 1941 als Kaplan, ab 1955 als Pfarrer in verschiedenen Gemeinden der Diözese. 1961 versetzte ihn das Bistum in den Ruhestand. Von da an bis zu seinem Tod 1991 lebte und arbeitete Meurer in den Bistümern Fulda und Trier sowie im Erzbistum Köln. Eine Rückkehr ins Bistum Aachen erfolgte nicht.
Zwischen 1978 und 1988 arbeitete Missio Aachen mit Meurer punktuell zusammen, ohne dass er angestellt war. Missio setzte ihn als Redner bei sogenannten Missionssonntagen ein, finanzierte die Reise nach Westafrika und übernahm von ihm eine umfangreiche Sammlung von Artefakten („Sammlung Africana“), die in Teilen bis 2023 bei Missio Aachen ausgestellt worden war.
Mit der im vergangenen Jahr begonnenen Untersuchung wurde die Kölner Rechtsanwältin und Mediatorin Bettina Janssen beauftragt, nachdem dem Pfarrer glaubhaft vorgeworfen worden war, von spätestens 1948 bis 1987 mehrfach minderjährige Mädchen sexuell missbraucht zu haben. Meurer wurde für diese Taten nie zur Rechenschaft gezogen, wie Missio erläuterte.
Im Zuge der Untersuchung durch die Rechtsanwältin wurden den Angaben nach mit sieben betroffenen Frauen Gespräche geführt. Im Abschlussbericht fänden sich „Aussagen von Betroffenen sexuellen Missbrauchs, die auf beklemmende Weise das Ausmaß des erlittenen Leids, die Schwere der Verbrechen Meurers sowie deren lebenslangen Auswirkungen für Betroffene deutlich machen“, hieß es. Die Aussagen seien „ein wichtiger Beitrag für eine zukünftig effektivere Präventionsarbeit“.
Der Umgang von Missio Aachen mit der von Meurer erworbenen Sammlung von Artefakten war aufgrund unzureichender personeller und finanzieller Ressourcen, mangelnder Fachkompetenz und Nachlässigkeit überdies „nicht angemessen“. Über viele Jahre hinweg sei Missio so seiner Verantwortung gegenüber den Artefakten angesichts ihrer kulturellen und spirituellen Bedeutung nicht gerecht geworden, räumte das Hilfswerk ein.