Hannover (epd). Die Opferhilfsorganisation „Weißer Ring“ appelliert an die Gesellschaft, das Leid und die Bedürfnisse von Kriminalitätsopfern stärker in den Blick zu nehmen. Zwar habe sich in dieser Hinsicht einiges verbessert, doch an dem Prinzip, dass der Fokus auf den Tätern liege, während die Opfer sich oft im Stich gelassen fühlten, habe sich nichts geändert, sagte Klaus Nietzschmann vom Weißen Ring in Hannover dem Evangelischen Pressdienst (epd) anlässlich des „Tages der Kriminalitätsopfer“ am Samstag. Der Tag steht in diesem Jahr unter dem Motto „Digitale Gewalt“.
Nietzschmann berät als ehrenamtlicher Mitarbeiter seit 13 Jahren Opfer von Gewalt und Kriminalität. Besonders schwierig sei es, wenn Gerichtsverfahren eingestellt oder gar nicht erst eröffnet würden, sagt er. „Von 15 Anzeigen kommt es nur in einem Fall zu einem Verfahren - das ist natürlich für die Opfer schwer zu verdauen.“
Zurück bliebe bei vielen das Gefühl, dass ihr Leid nicht anerkannt werde, dass der Staat zu wenig für sie tue. Viele Opfer wünschten sich, dass Täter härter bestraft werden. „Dass auch Täter Rechte haben, wissen Opfer natürlich, aber es ist für sie in dem Moment der persönlichen Betroffenheit schwer zu verstehen.“
Positiv zu bewerten sei das neue Opferentschädigungsrecht, das 2024 in Kraft getreten ist und das bisherige Opferentschädigungsgesetz ersetzt. „Es sorgt für eine Verbesserung hinsichtlich der Entschädigung und psychosozialen Versorgung von Opfern von Gewalttaten“, sagte Nietzschmann. Opfer, die therapeutische Hilfe benötigten, bekämen diese verhältnismäßig schnell.
An Freunde, Familie, Nachbarn und Kollegen von Kriminalitätsopfern appellierte Nietzschmann, Geduld zu haben. Geschädigte erlebten es immer wieder, dass ihr Umfeld nach einiger Zeit kaum noch bereit sei, über die Tat zu sprechen. „Da heißt es dann, jetzt ist es doch mal gut, lass das Ganze ruhen, Du musst nach vorn blicken“, sagte der Opferberater.
Das aber sei für Betroffene häufig nicht möglich. „Gewalttaten wirken sehr lange nach.“ Der Weiße Ring sei deshalb immer für Gespräche da. „Ich erinnere mich an eine Frau, die mit einer Flasche niedergeschlagen wurde und schwere Kopfverletzungen erlitt“, sagte Nietzschmann. Sie rief auch lange nach der Tat immer wieder an, weil sie über das Erlebte sprechen wollte. „Das ist für die Verarbeitung wichtig.“
Digitale Gewalt hängt Nietzschmann zufolge eng mit analoger Gewalt zusammen. Als Beispiel nannte der Opferberater häusliche Gewalt. Wenn Partnerschaften endeten, dann gingen Drohungen, Beleidigungen und Einschüchterungen, die den Frauen gegenüber direkt ausgesprochen würden, meist einher mit übler Nachrede und Beschimpfungen im Netz.
„Ich kann nur jeden, der davon betroffen ist, ermutigen, zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten“, sagte Nietzschmann. Die Beamten seien sehr bemüht, zu helfen - auch bei digitaler Gewalt. „Wir machen da gute Erfahrungen.“
Der Weiße Ring ist europaweit tätig. In Deutschland wurde die Opferhilfsorganisation 1976 gegründet - unter anderem von dem Fernsehjournalisten Eduard Zimmermann. Der Verein hat bundesweit rund 45.000 Mitglieder und 3.000 ehrenamtliche Helfer.