Landeskirchen legen Archive zusammen

Alte Bücher lagern in einem Regal im Magazin des Landeskirchlichen Archivs Baden-Württemberg
epd-Südwest/Judith Kubitschek
Wichtige Dokumente der beiden Landeskirchen befinden sich nun an einem zentralen Ort in der Landeshauptstadt Stuttgart.
Kirchen-Kooperation
Landeskirchen legen Archive zusammen
Die historischen Schätze der evangelischen Kirchen in Baden-Württemberg lagern nun bald zentral in Stuttgart. Möglich ist das durch die Fusion der landeskirchlichen Archive und Bibliotheken sowie einem neuen Erweiterungsbau.

Es ist ein kleiner historischer Meilenstein in der Geschichte der badischen und württembergischen Landeskirche: Die Archive und Bibliotheken der beiden Landeskirchen haben nach dreijähriger Vorbereitungszeit fusioniert und dies jetzt gefeiert - und gleichzeitig einen neuen Erweiterungsbau eingeweiht.

Ein Großteil der Bestände und Medien aus Baden wird in den nächsten Wochen nach Stuttgart umziehen. "Damit wird das gemeinsame Archiv der beiden Kirchen in Stuttgart das größte Landeskirchliche Archiv deutschlandweit sein", sagt Claudius Kienzle, Referatsleiter des Landeskirchlichen Archivs Stuttgart.

Ziel der Fusion und des Neubaus ist es, langfristig Geld zu sparen, da auch die badische Landeskirche den Neubau eines Archivs gebraucht hätte, erklärt Kienzle. Durch sinkende Mitgliederzahlen und weniger Kirchensteuern sei es wichtig und sinnvoll, stärker zu kooperieren. Dass es dann sogar zur ersten Fusion in einem Arbeitsbereich innerhalb der beiden Landeskirchen kam, sei aus seiner Sicht der konsequente Schritt gewesen.

Es ist kühl in dem Raum, der im neuen Erweiterungsbau des Landeskirchlichen Archivs liegt. Bei 13 Grad werden hier im Bildermagazin künftig 120.000 historische Fotografien, Dias und originale Glasnegative gelagert. Herzstück des fast zehn Millionen Euro teuren Erweiterungsbaus sind die klimatisierten Magazinräume. In ihnen werden bald Amtsbücher, Akten und anderes Archivgut der beiden großen evangelischen Kirchen in Baden-Württemberg auf 1.090 Quadratmetern - oder 15 Regalkilometern - sicher untergebracht. Der Strombedarf, den die Magazine durch ihre Kühlung brauchen, wird zum Großteil über die hauseigene Photovoltaikanlage gedeckt.

Empfindliches wird digitalisiert

Kienzle zieht sich weiße Stoffhandschuhe an und öffnet ein Testimonienbuch aus dem Tübinger Stift: Es ist das Abschlusszeugnis des berühmten Philosophen Georg Wilhelm Hegel (1770-1831), in dem Hegel wohl wegen eines amüsanten Abschreibefehlers "keine Bemühungen in Philosophie" (nullam operam) bescheinigt werden. Nachträglich wurde handschriftlich das "nullam" in "multam" korrigiert, also festgestellt, er habe, ganz im Gegenteil natürlich, viel Mühe auf die Philosophie verwandt.

Auch andere historische Kostbarkeiten, wie eine Inkunabel aus dem Jahr 1470 "Der jüdische Krieg" von Josephus Flavius, sind Eigentum des Archivs, ebenso ein Konkordienbuch von 1580, in dem Geistliche im 16. und 17. Jahrhundert ihre Unterschrift bei der Ordination in Stuttgart hinterließen.

Im Neubau befindet sich zudem ein Archiv für großformatige Karten, Pläne und Plakate und ein Digitalisierungszentrum. "Wir digitalisieren vor allem die Archivalien, die wir besonders schonen müssen, und die möglichst wenig aus den klimatisierten Magazinen herausgeholt werden sollten", erklärt der Historiker.

Gesangbücher und andere "Schätze"

In den nächsten Wochen werden durch den Umzug eines Großteils des badischen Archivs und der Bibliothek weitere historische Kostbarkeiten nach Stuttgart kommen: "Ein besonderer Schatz ist die Gesangbuchsammlung, die stetig wächst", sagt Mareike Ritter, Abteilungsleiterin des Landeskirchlichen Archivs und der Bibliothek der badischen Landeskirche. "In der Sammlung finden sich Gesangbücher aus der ganzen Welt, darunter auch beispielsweise auf Japanisch oder Koreanisch und ein Gesangbuch in Braille-Schrift." Das älteste Gesangbuch stammt aus dem Jahr 1524. Aber auch neuere "Schätze", wie der Talar und das Beffchen von Hilde Bitz, die 1971 als erste Frau in Baden offiziell als Pfarrerin eingeführt wurde, ziehen von Karlsruhe in die Landeshauptstadt.

Ritter findet die Fusion der Archive und Bibliotheken ein gelungenes Beispiel der Zusammenarbeit zwischen den beiden evangelischen Kirchen: "Wir können als kleinere Bibliothek die Erfahrung in Württemberg nutzen, dafür profitiert Stuttgart zum Beispiel durch unsere Restauratorin", so Ritter. Seit 40 Jahren sei das Landeskirchliche Archiv in Baden das einzige bundesweit, das eine eigene Restaurierungswerkstatt mit einer Restauratorin habe. Sie restauriere zum Beispiel Tintenfraßschäden. Auch Familienforscher, die an der Grenze zwischen Baden und Württemberg wohnen und vor Ort forschen wollen, hätten es nun einfacher, wenn die Kirchenbücher und andere Dokumente an einem Platz zu finden sind, sagt Ritter.