Beten für politisch Gefangene - in Belarus und anderswo

Landesbischof Christian Stäblein sprach sie für die Freilassung inhaftierter Oppositioneller in Belarus ein politisches Gebet am 12.06.2021.
epd-bild/Rolf Zoellner
Gebet für inhaftierte belarussische Oppositionelle in der Berliner Gethsemanekirche im Juni 2021. Damals waren auch die Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja und Bischof Christian Stäblein anwesend.
Solidaritätsaktion in Berlin
Beten für politisch Gefangene - in Belarus und anderswo
Seit nun sieben Jahren treffen sich Menschen in der Berliner Gethsemanekirche, um für politische Gefangene zu beten. Täglich. Ein wichtiger Schritt gegen das Vergessen.

Das Eingangsritual ist immer gleich. Kaum dass die mächtigen Glocken der evangelischen Gethsemanekirche in Berlin-Prenzlauer Berg um 18 Uhr ausgeläutet haben, steht ein Mitglied der Andachtsgruppe aus der Bankreihe auf und entzündet die "Wachet und Betet"-Kerze auf dem Altar. Dann beginnt das gut halbstündige politische Abendgebet.

Und das jeden Tag. Seit dem Juli 2017. Damals geriet Gemeindemitglied Peter Steudtner in türkische Haft, als er an einem Menschenrechtsseminar bei Istanbul teilnahm. Peter Steudtner ist längst wieder frei. Die "Wachet und Betet"-Andachten mit ihren täglich rund 10 Teilnehmern gehen aber bis heute weiter.

"Ich habe nie darüber nachgedacht, was es bringt oder nicht bringt. Es sind jetzt siebeneinhalb Jahre. Wir gehen auf das achte Jahr zu. Wir wissen von politisch Inhaftierten, dass es ihnen Mut macht, diese Zeit zu überstehen, wenn sie wissen, dass sie nicht vergessen sind", sagt Iris Hertel, die von Anfang an bei der Andachtsgruppe dabei war.

So beten sie hier zum Beispiel bis heute für den türkischen Kunstmäzen und Menschenrechtsaktivisten Osman Kavala, der trotz internationaler Proteste seit 2017 im Gefängnis sitzt.

Momente der Hoffnung

"Für mich ist es immer der aktive Teil Hoffnung, dass es keinen Grund gibt, hoffnungslos in die Zukunft zu gucken, sondern durch diese Andacht Hoffnung zu vermitteln und auch selber zu erfahren", begründet Gemeindemitglied Martin Gagel sein nun schon jahrelanges Engagement in der Andachtsgruppe.
Denn es gab durchaus Momente der Hoffnung - nicht nur nach der Entlassung von Peter Steudtner. So wurde der deutsche Pilger David Britsch auch durch den Einsatz der "Wachet und Betet"-Andachtsgruppe im Dezember 2017 nach fast neun Monaten aus türkischer Haft entlassen. Oder die in Köln lebende kurdische Filmemacherin und Sängerin Hozan Canê, die 2018 in der Türkei verhaftet wurde. Im Juli 2021 dann wurde sie freigelassen. Das wurde mit einem großen Fest auch in der Gethsemanekirche gefeiert.

"Ich komme hier fast täglich hin, damit ich mich nicht so hilflos fühle. Dass ich eine Klitzekleinigkeit tun kann, dass ich hierherkommen kann", erklärt Dorothee Börtzler aus der Andachtsgruppe.

Repression in Belarus

Als vor fünf Jahren Diktator Lukaschenko die freien Wahlen im Land unterdrückte und die Opposition verhaften ließ, begann die Andachtsgruppe auch für Belarus zu beten. Ina Rumiantseva, geborene Berlinerin und mit einem Belarussen verheiratet, trägt jeden Donnerstag die neuesten Informationen vor.

Ina Rumiantseva

Trotz einiger Entlassungen in jüngster Zeit sei die Repression nach wie vor groß.
"Offiziell fixiert sind weit über 1200 politische Gefangene. Und das sind nur die, die heute im Gefängnis sind. Seit 2020 sind es über 2600. Zehntausende weitere wurden zu Kurzzeithaft oder in absurden Verfahren zu Geldstrafen und zu anderen Strafen verurteilt, was dazu geführt hat, dass seit 2020 etwa 600.000 Belarussen ihr Land verlassen haben aus Angst vor dem, was gerade dort passiert", sagt Ina Rumiantseva.

Viele seien nach Polen und Lettland geflüchtet, nach Deutschland etwa 6000. Andere Oppositionelle aber konnten oder wollten nicht fliehen. Der Präsidentschaftskandidat Viktor Babariko, Maryja Kalesnikawa oder Ihar Losik. Gerade auch für sie wird namentlich gebetet.

Eigene Hafterfahrung

"Das kann man gar nicht überschätzen. Zum einen ist es das stabilste, das dauerhafteste Format, das wir haben, für Belarus Woche für Woche jeden Donnerstag zu beten. Im letzten Jahr kamen ganz überraschend zwei ehemalige politische Gefangene, für die wir hier lange gebetet hatten. Sie haben uns gedankt, wie viel Kraft es gibt, zu wissen, hier gibt es Menschen, die kommen zusammen, die haben die Gefangenen nicht vergessen", führt Ina Rumiantseva weiter aus.

Hansjürg Schößler

Für ihr zivilgesellschaftliches Engagement, etwa in der belarussischen Oppositonsgruppe Razam (razam.de), hat Ina Rumiantseva vor wenigen Wochen den mit 7500 € dotierten Werner Schulz-Preis erhalten. Den hat sie den belarussischen Frauen gewidmet. "Für die Frauen ist es nochmal schlimmer. Viele sind getrennt von ihren Kindern, müssen harte Arbeit verrichten. Gleichzeitig gibt es keine medizinische Versorgung. Es wird keine Rücksicht auf die Bedürfnisse von Frauen genommen. Es ist wichtig, dass wir uns in erster Linie für die Freilassung dieser Frauen einsetzen."

Vor allem gebe es auch ihr Kraft, sich von der Andachtsgruppe getragen und unterstützt zu wissen, sagt Rumiantseva. Auch Hansjürg Schößler ist von Anfang an mit dabei. Er saß selbst in der DDR in politischer Haft. Auch deshalb ist er Teil der "Wachet und Betet"-Andachtsgruppe in der Gethsemanekirche. Für ihn und die anderen ist klar, dass sie weiter beten werden, solange es in Belarus zu Unrecht Inhaftierte gibt.

"Ich weiß, wie wichtig es ist zu wissen, dass es Menschen gibt, die an einen denken, wenn man im Knast sitzt. Auch wenn es sehr kraftaufwendig ist, täglich hier diese Andachten durchzuführen. Es ist mein ganz kleiner Beitrag, um Licht in diese für mich manchmal sehr dunkle Welt zu bringen", bekräftigt Hansjürg Schößler.