Frauen, die Kirche zum besseren Ort machten

Rajah Scheepers steht in einer Tür.
Billie Scheepers
Rajah Scheepers studierte Evangelische Theologie in Marburg, Amsterdam, Berlin und Bern.
Frauen in der EKD
Frauen, die Kirche zum besseren Ort machten
In ihrem Buch "Die Ersten - Frauen erobern die Kanzeln. Mit Fotografien von Billie Scheepers" hat Rajah Scheepers anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Gleichstellung von Frauen in der Evangelischen Kirche elf erste Frauen porträtiert, wie die erste Oberkonsistorialrätin, die erste Generalsuperintendentin oder auch die erste Pröpstin. Sie selbst sagt über das Buch: "Ich bin einfach froh, das ich diesen elf porträtierten Frauen, die sich für die Gleichberechtigung eingesetzt haben, ein kleines Denkmal gebaut habe."

Rajah Scheepers (Jahrgang 1974) ist seit fünfeinhalb Jahren Hauptpastorin in der dänischen Volkskirche. "Das macht sehr, sehr große Freude", sagt sie. Mit ihrer Schwester, der Fotografin Billie Scheepers, hat sie ihr Herzensprojekt umgesetzt und sich in Sachen Gleichberechtigung in der EKD auf Spurensuche begeben.

evangelisch.de: Frau Scheepers, was hat Sie dazu inspiriert, dieses Buch über Pionierinnen in der evangelischen Kirche zu schreiben?

Rajah Scheepers: Seitdem ich konfirmiert worden bin, im Jahr 1989 in Berlin Grunewald, habe ich mich gewundert, wieso meine Pastorin Pastorin hieß und der Pfarrer unserer Gemeinde, Pfarrer. Wieso hatten die zwei verschiedene Berufsbezeichnungen, obwohl sie ja anscheinend den gleichen Beruf hatten. Wieso die Pastorin etwas anderes als Amtskleidung im Gottesdienst trug als der männliche  Kollege, und wieso sie keine Familie im Unterschied zu ihrem männlichen Kollegen hatte. Da ist mir aufgefallen, dass es Unterschiede in der Behandlung von Frauen und Männern im geistlichen Amt gibt. Seitdem hat mich das auch wissenschaftlich interessiert, und so habe ich dann angefangen, mich intensiver damit zu beschäftigen.

Wie haben Sie die Auswahl für Ihre elf Porträts getroffen?

Scheepers: Ich habe geschaut, welche Frauen, die noch leben, jeweils die ersten gewesen sind oder eine ganz besondere Bedeutung gehabt haben und war sehr, sehr froh, dann diese elf Frauen gefunden zu haben, von denen ja inzwischen tragischerweise schon zwei verstorben sind.

Im November 2024 feierte die EKBO 50 Jahre Gleichstellung der Frau in der evangelischen Kirche. Wie würden Sie denn die Situation damals vor 50 Jahren beschreiben?

Scheepers: Damals war das so, also bis November 1974, dass eine Pastorin, die geheiratet hat, automatisch aus dem Dienst ausgeschieden ist. Das war die sogenannte Zölibatsklausel, die aus dem Beamtenrecht des 19. Jahrhunderts stammte und davon ausging, dass eine Frau entweder Beamtin sein kann, also dem Staat dienen kann, oder Ehefrau und Mutter. Aber beides schloss sich gegenseitig aus.

Das galt auch für Lehrerinnen wie auch für Postbeamtinnen und Schaffnerinnen im 19. Jahrhundert. Abgeschafft wurde das in der Weimarer Republik und dann unter den Nazis wieder eingeführt. Es galt sogar für Bundesrichterinnen bis Anfang der 1950er Jahre und für Pastorinnen in der evangelischen Kirche bis in die 70er Jahre hinein.

Und das ist natürlich umso absurder, weil ja das Zölibat vor 500 Jahren als Merkmal für evangelische Geistliche abgeschafft wurde. Ein evangelischer Pfarrer sollte möglichst immer verheiratet sein, im Unterschied zum katholischen Geistlichen.

Die Ersten - Frauen erobern die Kanzel, Evangelische Verlagsanstalt.

Welche Herausforderungen mussten Frauen damals überwinden, um eine Führungsposition in der Kirche zu erreichen?

Scheepers: Eigentlich ihr Geschlecht? Man hat es damals Frauen nicht zugetraut. Wenn man sich heute die Zahlen anschaut, scheint es da immer noch sehr großen Nachholbedarf zu geben. Auf der mittleren Leitungsebene sind im Durchschnitt weniger als ein Drittel der Stellen von Frauen besetzt, und auf der höchsten Leitungsebene noch weniger.

"Das hat mich, muss ich sagen, sehr traurig gemacht, dass diese Kirche, die ich von Herzen liebe, einer Amtsschwester so viel Leid und Ungerechtigkeit zugefügt hat."

Also hat sich nach Ihrer Meinung seit 1974 nicht genügend in dieser Hinsicht getan?

Scheepers: Ja. Heute gibt es etwas, das sich Feminisierung nennt. Das beobachten wir in vielen Bereichen, seien es jetzt mehr Kommissarinnen im Tatort oder in der Politik. Ein Berufsbereich wird als "normal" betrachtet, solange der Anteil der Frauen unter einem Drittel ist. Aber sobald es über einem Drittel ist, müsste sich die Organisation und das Amt ändern, und daraufhin bricht dann so eine gewisse Unruhe aus.

In der evangelischen Kirche haben wir auch seit einigen Jahren diese Diskussion um eine sogenannte Feminisierung, die auch wertend ist. Insofern besteht da noch sehr, sehr großer Bedarf, darüber aufzuklären, dass Frauen ein Amt genauso gut oder schlecht ausüben können wie Männer und dass Frauen unter sich unterschiedlich sind, wie Männer unter sich unterschiedlich sind, und dass es nicht ausschlaggebend sein sollte, ob ein Amt von einem Mann oder einer Frau oder einer Transpersonen ausgeübt wird.

Welches Porträt von diesen elf Persönlichkeiten hat Sie am meisten berührt?

Scheepers: Am meisten erschüttert hat mich das Porträt von Angelika Fischer, die damals im November 1974 vor 50 Jahren federführend dafür gekämpft hat, diese Zölibatsklausel abzuschaffen - in der Evangelischen Kirche Berlin Brandenburg. Inzwischen ist sie gestorben. Sie starb am Palmsonntag 2024. Aber sie hat bis zu ihrem Lebensende diese Verletzungen mit sich herumgetragen, die damit verbunden war, abgewertet zu werden in einem Amt, weil sie eine Frau war.

Das hat mich, muss ich sagen, sehr traurig gemacht, dass diese Kirche, die ich von Herzen liebe, einer Amtsschwester so viel Leid und Ungerechtigkeit zugefügt hat.

Und immer noch kann man nicht zufrieden sein mit der Gleichstellung...

Scheepers: Wenn man sich den Anteil anschaut an Frauen, die Vollzeitstellen haben und die geschäftsführende Pfarrerin sind, dann liegt dieser Anteil deutlich unter dem Anteil von Männern, die Vollzeitstellen haben und der mittleren Leitungsebene angehören. 

Je höher es geht, desto geringer wird der Frauenanteil. Und das fängt, wie gesagt, schon an bei der Frage an: Wer hat eine Vollzeitstelle, wer hat eine Teilzeitstelle, wer hat die Geschäftsführung in einer Gemeinde? Viele Frauen sind immer noch in der Spezialseelsorge tätig, also in Krankenhäusern, Altersheimen oder sie arbeiten in Teilzeitstellen. Das wirkt sich nachteilig aus, bis hin zur Pension.

Woran liegt das?

Scheepers: Ich glaube, das liegt zum einen an strukturellen Bedingungen. Es ist eben sehr schwer, eine Vollzeit Pfarrstelle in der Gemeinde mit einem ausgefüllten Familienleben zu verbinden, weil viele Tätigkeiten in einer Gemeinde am Nachmittag, am Abend und am Wochenende stattfinden und dies die Zeit ist, wo man sich mit seiner Familie beschäftigt.

Trauen sich Frauen selbst nicht genügend zu?

Scheepers: Ich glaube, dass Frauen oftmals nicht bereit sind, den "Preis" dafür zu bezahlen, nämlich den Verzicht auf ein erfülltes privates Leben. Es geht dann eigentlich nur, wenn der Mann oder der Partner oder die Partnerin diese Rolle übernimmt. Oder wenn man diese Ämter so gestaltet, dass man daneben noch ein gutes und gesundes Leben haben kann und sich nicht aufopfern muss. Strukturelle Änderungen sind notwendig. Die Stelle muss anders gestaltet werden, sodass sie familienfreundlicher ist.

"Ich liebe diese Kirche, aber ich finde, vieles könnte noch deutlich besser werden."

Wie zum Beispiel?

Scheepers: Eine richtig gute Maßnahme wäre es, wenn es mehr Möglichkeiten gäbe, dass sich Menschen eine Stelle teilen. Also, dass ein Amt von zwei Personen auf einer Vollzeitstelle ausgeübt wird und nicht alle Anforderungen an ein und dieselbe Person gestellt werden. Dass die Kinderbetreuung in Deutschland deutlich verbessert wird. Wenn man sich anschaut, wie viele Unterrichtszeiten ausfallen, wie oft Kindergärten geschlossen sind oder überhaupt die Schließzeiten von Kindergärten; da ist es ja fast kaum möglich, Vollzeit zu arbeiten, Karriere zu machen und gleichzeitig Mutter zu sein.

Welche Botschaft möchten Sie den Leserinnen Ihres Buches vermitteln?

Scheepers: Meine Botschaft ist, dass es sich total lohnt, sich für eine bessere Kirche einzusetzen, weil die Kirche eben tatsächlich eine verbesserungswürdige ist, aber eben auch eine Kirche, die in der Lage ist, sich zu verbessern. Ich liebe diese Kirche, aber ich finde, vieles könnte noch deutlich besser werden.

Und die Geschichten von diesen Frauen zeigen, dass sich ihr Beitrag gelohnt hat, trotz aller Mühen, Enttäuschungen, Verletzungen, Zurückweisung. Sie haben diese Kirche menschlicher für alle Geschlechter gemacht. Allerdings ist die Tendenz eher so, dass die Gemeinden zusammengelegt werden und die Arbeit des Einzelnen noch größer wird. Aber niemand ist in der Lage, gleichzeitig in 16 Gemeinden anwesend zu sein und 19 Friedhöfe zu betreuen. Es gehört zur Professionalität eines Berufes dazu, zu zeigen, was man leisten kann und möchte und auch, was man nicht leisten kann und möchte.

Was wünschen Sie sich für die zukünftige Rolle der Frau in der evangelischen Kirche?

Scheepers: Ich wünsche mir tatsächlich, dass es irgendwann ganz normal sein wird, dass es eine Bischöfin gibt und dass Männer und Frauen auf allen Ebenen gleichberechtigt vertreten sind und die Möglichkeit haben, nach ihren Gaben ihren Einsatzort zu wählen und nicht nach ihrem Geschlecht.