Berlin (epd). Der Flüchtlingshelfer und Schiffskapitän Klaus Vogel hat in der Migrationsdebatte vor der Bundestagswahl einen Mangel an Menschlichkeit angeprangert. Die Debatte sei derzeit bestimmt von den Anschlägen und den Ängsten der Menschen, sagte Vogel dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Was aber nicht mehr vorkommt, ist die Lage der Migranten und das Massensterben auf dem Mittelmeer“, sagte Vogel, der sich seit zehn Jahren für die Seenotrettung von Geflüchteten im Mittelmeer engagiert.
Er könne die Erschütterung über die Anschläge gut verstehen, sagte der 68-Jährige und betonte zugleich: „Wir dürfen nicht nur unsere Ängste sehen, sonst werden wir kalt.“ Ihm fehle derzeit die Menschlichkeit in der Debatte - die Frage, wie es den Menschen gehe, wie ihre Lage sei und wie Migration positiv gestaltet werden könne. „Ich vermisse die Haltung und den Mut, den es braucht, um Menschen konsequent zu retten und Migration so zu verändern, dass sie eine Bereicherung für alle ist“, sagte Vogel.
Vogel hatte vor zehn Jahren das europäische Seenotrettungs-Netzwerk SOS Méditerranée gegründet. Dessen deutscher Gründungsverein löste sich Ende 2021 aus dem Verbund und nannte sich in SOS Humanity um. Vogel engagiert sich bis heute ehrenamtlich bei SOS Humanity.
Es gebe nach wie vor viele Menschen, die sich für Migranten oder die Seenotrettung engagierten, sagte Vogel: „Aber die politische Debatte hat sich leider ein Stück weit davon entkoppelt.“ Humanität sei ein „weiches Thema“ und es gebe derzeit eine „harte, negative Strategie, mit Ängsten Politik zu machen“, sagte Vogel: „Bisher haben wir es nicht geschafft, mit unseren positiven Erfahrungen in der Öffentlichkeit gehört zu werden.“
Klaus Vogel ist Historiker und Handelsschiffskapitän. Die Gründung von SOS Méditerranée war durch das Ende der italienischen Seenotrettungsoperation „Mare Nostrum“ motiviert. 2021 wurde er für sein Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Das Mittelmeer zählt zu den weltweit gefährlichsten Fluchtrouten. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind seit 2014 mehr als 31.000 Menschen bei der Überfahrt ums Leben gekommen oder sie werden vermisst.