Ist die Auseinandersetzung mit der Person Leni Riefenstahl, abseits des rein filmischen Diskurses, heute noch relevant? Wie eng Riefenstahl mit dem NS-Regime verstrickt war und dass sie sehr wohl über dessen Verbrechen Bescheid wusste, ist mittlerweile gut belegt. Zuletzt ist beispielsweise das Buch "Leni Riefenstahl - Karriere einer Täterin" (2020) von Nina Gladitz erschienen, die bereits 1982 in der WDR-Dokumentation "Zeit des Schweigens und der Dunkelheit" Vorwürfe gegen Riefenstahl erhoben hatte.
Auch die Arte-Dokumentation "Leni Riefenstahl - Das Ende eines Mythos" von Michael Kloft rekapitulierte 2020 die Vorwürfe, mit Gladitz als Interviewpartnerin. Warum also nun die Dokumentation "Riefenstahl"? Zum einen mag es, national wie international, weiterhin Menschen geben, die das Werk Riefenstahls allzu unkritisch sehen. Zum anderen ist der Film von Andres Veiel auch eine Auseinandersetzung mit der Art und Weise, wie Leni Riefenstahl jahrzehntelang die Lüge aufrechterhielt, sie habe von den Verbrechen der Nazis nichts gewusst und sei nur an künstlerischer Arbeit interessiert gewesen.
Entstanden ist der Film "Riefenstahl" durch die Initiative von Moderatorin und Journalistin Sandra Maischberger, die Leni Riefenstahl 2002 interviewt hatte. Der Umstand, aus ihr nicht wirklich etwas herausgelockt zu haben, veranlasste sie dazu, sich um Riefenstahls Nachlass zu bemühen, der 2016 an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gegangen war. Gemeinsam mit Regisseur Andres Veiel ist ein Dokumentarfilm entstanden, der komplett aus seinem Material heraus gedacht ist.
"Riefenstahl" kommt ohne kommentierende Interviews aus, nur gelegentlich gibt eine Offstimme knappe Hintergrundinformationen. Auch einen linearen Aufbau gibt es nicht. Der Film springt hin und her zwischen unterschiedlichen Zeitabschnitten und verschiedensten Dokumenten. Neben Filmausschnitten und alten Interviews werden auch Briefe, private Videoaufnahmen und Telefonate präsentiert, die Riefenstahl aufzeichnete.
Wie ein Puzzle setzt der Film die Biografie Riefenstahls zusammen und fordert die Zuschauenden zur aufmerksamen und kritischen Beobachtung heraus. Riefenstahls Lügen werden durch geschickte Montage aufgezeigt. Wenn sie etwa in einem Interview sagt, in ihrem Propagandafilm "Triumph des Willens" gebe es keine Rassenideologie, enttarnt ein Filmausschnitt dies direkt im Anschluss als Unwahrheit.
Ohne Anspruch auf endgültige Deutung spürt "Riefenstahl" dem Charakter seiner Protagonistin und der Faszination für sie nach und unterstreicht noch einmal mit neuen Materialien, wie Riefenstahl mit dem NS-Regime verbunden war. Dokumente belegen unter anderem, dass sie bei einem Dreh an der Front die Erschießung von Juden miterlebt hat und für die Arbeit an "Tiefland" Sinti und Roma als Komparsen nutzte, die sie angeblich alle später wiedergesehen habe, die aber nachweislich im KZ gestorben sind.
Gerade die privaten Gespräche, die nun erstmals veröffentlicht werden, zeigen zudem, wie stark die Regisseurin auch selbst Anhängerin faschistischen Gedankenguts war. Riefenstahls Leben gleicht einer ständigen Verzerrung. So verdeutlicht der Film auch, dass die Manuskripte zu ihren Memoiren sich deutlich von der Schlussfassung unterscheiden. Aufnahmen zeigen, wie sie sich bei Interviews lautstark beschwert, weil sie nicht wollte, dass bestimmte Aussagen von ihr aufgenommen werden.
Bemerkenswert sind ihre ständige Selbstinszenierung, ihre Darstellung als Opfer und das Beharren auf offensichtlichen Lügen. Dass Riefenstahl so viel Zuspruch von Menschen erhielt, etwa durch Anrufe und Zuschriften Einzelner oder durch die Förderung ihrer Afrika-Reisen durch große Konzerne, zeigt, wie empfänglich die deutsche Gesellschaft zumindest in Teilen für Lügen und rechtes Gedankengut geblieben ist.
Veiel: Riefenstahl war der NS-Ideologie verhaftet
Für den Dokumentarfilmer Andres Veiel gibt es keinen Zweifel daran, dass Riefenstahl eine glühende Anhängerin der NS-Ideologie war. Solche Filme wie Riefenstahl könne nur jemand machen, der ideologisch von den NS-Idealen überzeugt ist, sagte Veiel dem Magazin "epd Film" (November-Ausgabe). Veiels Dokumentarfilm "Riefenstahl" ist ab Donnerstag in deutschen Kinos zu sehen.
Nach der Sichtung des Nachlasses der Regisseurin ist für Veiel außerdem klar: "Riefenstahl blieb auch nach dem Krieg weiter der NS-Ideologie verhaftet, nicht nur der Ästhetik, sondern auch im Glauben an die Notwendigkeit einer starken Hand, an ein sittlich-moralisch überlegenes Deutschland."
Riefenstahls Aufstieg als Regisseurin ist eng mit dem Nationalsozialismus verbunden. Sie drehte seit den 1930er Jahren Propagandafilme, unter anderem über die Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Nach dem Zweiten Weltkrieg startete sie eine zweite Karriere als Fotografin.
Veiel nannte es eine der vielen Legenden Riefenstahls, dass sie sich laut eigener Aussage nie für Politik interessiert habe. "Die Verbindung zwischen Kunst und Politik hat sie konsequent bestritten", sagte er. Das sei angesichts ihrer Verbundenheit mit Adolf Hitler und der NS-Elite absurd.
Nach dem Krieg habe sich Leni Riefenstahl als Opfer zu inszenieren versucht und unter anderem einmal behauptet, sie habe nach Ende des Nationalsozialismus drei Jahre in Lagern und Gefängnissen gesessen. "Heute wissen wir: Alles gelogen", sagte Veiel: "Sie saß nicht einmal sechs Wochen."
Info: "Riefenstahl". Deutschland 2024. Regie und Buch: Andres Veiel. Produktion: Sandra Maischberger. Länge: 115 Minuten. FSK: ab 12, ff. FBW: ohne Angabe. Homepage zum Film: https://www.majestic.de/riefenstahl/
Auszeichnung: Die Jury der Evangelischen Filmarbeit zeichnete "Riefenstahl" von Andres Veiel als Film des Monats im Oktober 2024 aus.
Die Jury schreibt in der Begründung: "Andres Veiel beleuchtet in seinem Dokumentarfilm Leben und Werk von Leni Riefenstahl, DER Filmregisseurin der Nationalsozialisten. Produzentin Sandra Maischberger und das Filmteam haben eine beeindruckende Fülle von Material gesichtet und ausgewertet. So werden neben Filmausschnitten von Riefenstahls eigenen Filmen, TV-Interviews, Fotos auch Telefonanrufe, die Riefenstahl mitschnitt, genutzt und verdichtet." Und ergänzt: "Andres Veiel beweist nach "Beuys" erneut, wie spannend und unbedingt kinotauglich ein Dokumentarfilm aus Archivmaterial sein kann."