"Langsames Gehen setzt nicht nur den Körper in Bewegung - auch unser Empfinden und Fühlen kommt in Bewegung", sagt der Regensburger Ruhestandspfarrer im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Er ist auch Tiroler Bergwanderführer und Übungsleiter beim Deutschen Alpenverein.
epd: Herr Schulte, wie sieht ein Spaziergang mit Ihnen aus?
Martin Schulte: Ich gehe mit meinen Klienten einmal die Woche eineinhalb Stunden irgendwo draußen ganz langsam und gemütlich durch die Natur. Wir konzentrieren uns auf das, was wir im Moment wahrnehmen. Wir hören bewusst auf die Stimmen um uns herum, wir sehen und riechen bewusst unsere Umgebung. Dabei wird wenig getan, weil wir die Dinge auf uns wirken lassen. Es ist zum Beispiel nachgewiesen, dass Sauerstoff und frische Luft Körper und Geist guttun und dass schon leichte Bewegung zur Stressreduktion führt.
Und wie reagieren die Menschen auf diese Art des Spazierengehens?
Schulte: Das meiste entsteht dann, wenn wir keine Erwartungen haben. Am Anfang gehen wir zum Beispiel eine Viertelstunde lang schweigend durch den Wald. Wir lassen die Stille auf uns wirken und schauen, was kommt. Die einen erzählen mir, dass dabei in ihrer Psyche und in ihren Gedanken völlig Neues aufgetaucht ist. Andere sagen mir, sie hätten die Vögel noch nie so intensiv gehört wie heute. Es ist also unterschiedlich, was Menschen dabei erleben.
Kann man denn so auf Knopfdruck loslassen?
Schulte: Ein entscheidendes Wort ist die "Freigabe", also eine Erlaubnis. Die kann von außen kommen, indem jemand sagt: 'Du musst nichts, Du kannst geschehen lassen.' Oder diese Freigabe kommt von innen, denn manchmal setzen wir uns ja selbst unter Druck oder sind in einem Strudel gefangen. Dazu bedarf es die Erlaubnis, dass auch einmal Nichts sein darf.
Nicht wenige Menschen klagen heutzutage über Ängste. Kann auch bei solchen Emotionen ein Spaziergang hilfreich sein?
Schulte: Angst ist etwas, was wir nicht steuern können. Sie überfällt uns plötzlich und ist einfach da. Entscheidend sind unsere Strategien, damit umzugehen. Ein Weg kann sein, dass man es schafft, sich aus der Identifikation mit einem Gefühl zu lösen und nicht zu sagen: "Ich bin die Angst und lasse mich von ihr beherrschen", sondern: "Ich sehe bei mir eine gewisse Angst." In diesem Moment kann ich mit der Angst unterschiedlich umgehen.
Ist es wichtig, zu erkennen, woher die Angst oder auch andere Gefühle kommen?
Schulte: Es ist in jedem Fall hilfreich, wenn wir uns mit unseren Emotionen beschäftigen - ob es Angst, Freude, Begeisterung oder Niedergeschlagenheit ist. Wenn wir uns mit diesen Gefühlen auseinandersetzen, erkennen wir manchmal, dass sie nicht nur aus der Gegenwart gespeist sind, sondern sich alte Erinnerungen und Erfahrungen mitschwingen. Diese Verbindungen aufzuspüren und zu sehen: "In dieser Angst ist jetzt gerade eine alte Angst, die ich als Kind auch schon hatte." Allein dies entlastet schon.
Das sind aber doch Erkenntnisprozesse, während ein Spaziergang eine rein körperliche Tätigkeit ist.
Schulte: Körper und Geist sind immer eine Einheit. Wir verändern unseren Ort, schenken dem Körper und eben auch dem Geist frische Luft und Sauerstoff. Sauerstoff aber ist das Grundnahrungsmittel unseres Gehirns. Und weil wir das Gehirn bewusst nicht aktiv "füttern", kann es Dinge ablegen und Erfahrungen aus dem Unbewussten können verarbeitet werden. Oder ganz neue Ideen entstehen. Das ist wie beim Training im Sport: Die entscheidenden Wachstumsprozesse geschehen in den Ruhepausen.
Wenn allein durch das Gehen und Bewegen schon die Gedanken in Bewegung kommen und Blockaden sich lösen können, welches Tempo sollte man dabei einschlagen?
Schulte: Die meisten Menschen gehen viel zu schnell. Der Puls sollte leicht erhöht sein, aber man sollte gut miteinander reden können. Das Entscheidende ist, dass man durch die Bewegung nicht so gefangengenommen wird, dass das Wahrnehmen gebremst wird. Welches Tempo das ist, muss jeder für sich selbst herausfinden. Wenn ich in einer Gruppe unterwegs bin, gucke ich zum Beispiel wer der Langsamste ist und nach diesem Tempo richte ich mich.
Wie häufig sollte man pro Woche spazieren gehen?
Schulte: Ich empfehle, es einmal pro Woche zu tun. Das heißt rausgehen, ohne festen Plan, sich eine halbe Stunde Zeit nehmen, irgendwo entlang gehen. Es gibt wunderschöne Ecken, oder man geht einfach querfeldein. Sollte man sich verlaufen, schickt einen die App am Smartphone schon wieder zurück. Wichtig ist, langsam zu gehen und zwischendurch sich einmal hinzusetzen und nur zu schauen. Und das alles völlig unabhängig vom Wetter. Ach ja - und auf jeden Fall das Handy während dieser Zeit in den Flugmodus schalten!