In den 1970er und 1980er Jahren gehört Hans Rosenthal zu den Publikumslieblingen der Deutschen. "Dalli Dalli", die "Schnelldenker"-Ratesendung des TV-Moderators, läuft seit 1971 live im ZDF aus Mainz. In der Spielshow mit der charakteristischen Waben-Kulisse, der Stoppuhr und den aufwendigen Kulissenbauten geben sich die Promis die Klinke in die Hand, von Thomas Gottschalk bis Mike Krüger, von Uschi Glas bis Judy Winter.
Sie hängen Wäsche auf die Leine, drücken Wurstbrät in Därme und kehren Kamine, alles auf Zeit, dalli-dalli eben. Wenn ihnen noch spontan viele Begriffe einfallen, wendet sich Rosenthal ans Studiopublikum, ruft "Sie sind der Meinung: Das war spitze!" und macht einen Luftsprung, sein Markenzeichen.
Rosenthal verbreitet beste Laune, ist charmant und respektvoll zu allen.
Vor 100 Jahren, am 2. April 1925, ist er in Berlin zur Welt gekommen. Beim Nachkriegs-Radio arbeitet er sich vom Laufburschen zum Redakteur hoch, moderiert beim Berliner RIAS (Radio im amerikanischen Sektor) bekannte Quizsendungen wie "Allein gegen alle". Schon im Radio ist Hans Rosenthal, der sich selbst nie als Star sah, der Liebling aller. Im Fernsehen aber wird er als Entertainer und Spiele-Erfinder schließlich zur Legende.
Überlebt in einer Laubenkolonie dank mutiger Frauen
Dass Hans Rosenthal einst als jüdischer Verfolgter des Nationalsozialismus nur knapp mit dem Leben davongekommen war, wissen Ende der 1970er Jahre nur ganz wenige. Zwei Jahre lang versteckten mutige Frauen den 17-jährigen Waisen in einer Berliner Laubenkolonie. Sein zehnjähriger Bruder Gert war zuvor 1942 aus dem jüdischen Waisenhaus deportiert worden; er wurde ermordet. Ehrenamtlich engagiert sich Hans Rosenthal nach dem Krieg stark in der Berliner Jüdischen Gemeinde, aber öffentlich spricht er lange nicht über seine Geschichte.
Am 9. November 1978 dann soll in der Bundesrepublik die erste offizielle Gedenkfeier zur Pogromnacht 1938 stattfinden, bei der jüdische Geschäfte geplündert, Juden gequält und ermordet wurden. Ausgerechnet für diesen Tag plant das ZDF für die 75. "Dalli Dalli"-Sendung eine große bunte Jubiläumsshow mit ihrem Moderator. Rosenthal versucht, die Unterhaltungssendung verschieben zu lassen, zumal Bundeskanzler Helmut Schmidt ihn als Ehrengast in die Synagoge eingeladen hat. Vergeblich.
Hans Rosenthal, innerlich zerrissen, wie Weggefährten bestätigen, zeigt schließlich Haltung in der Unterhaltung. Er moderiert die Jubiläumsshow in schwarzem Anzug, lässt Opernarien statt Schlager singen. Nennt zum Schluss zum ersten und einzigen Mal das Datum der Sendung - 9. November - und verzichtet auf den "Spitze!"-Sprung.
Über "Noten, die verboten waren"
Danach schreibt er seine Autobiografie "Zwei Leben in Deutschland" (1980), in der er eindrücklich von der nationalsozialistischen Verfolgung erzählt. Er präsentiert 1983 die Musiksendung "Noten, die verboten waren" und erinnert an Komponisten und Musiker, die während des Nationalsozialismus verfolgt wurden. In der Abmoderation sagt er: "Wir alle können nur hoffen, dass das, was Vergangenheit war, keine Zukunft hat." Auch bei "Dalli Dalli" nutzt er 1983 seine Popularität, um zu warnen. Er wendet sich direkt an den Bad Hersfelder Bürgermeister, in dessen Stadt die "SS-Leibstandarte Adolf Hitler" eine Feier plant. "Sagen Sie das noch schnell ab." So geschieht es tatsächlich. In der Talkshow "Heut' abend" spricht er 1985 mit Joachim Fuchsberger über sein Leben.
1986 nimmt er, von schwerer Krankheit gezeichnet, aber voller Ideen für neue Spiele, im Fernsehen den "Telestar" für sein Lebenswerk entgegen. Seine Rede berührt noch heute, angesichts aktuellen Erstarkens des Antisemitismus vielleicht mehr als damals. "Ich habe heute das Gefühl, wieder zu Ihnen zu gehören, und das macht mich glücklich. Danke."
Hans Rosenthal stirbt am 10. Februar 1987 in Berlin und wird mit Ehren zu Grabe getragen. Zahlreiche Redner würdigen seine Rolle als Vorbild und Versöhner von Juden und Nichtjuden. Damals jüngere, aktivistische Juden nahmen Rosenthals Stimme bisweilen als zu bescheiden wahr. Dass er das Volk der Täter unterhielt, war ihm bewusst. Wie sein Sohn Gert sich erinnert, merkte der Vater einmal angesichts eines Reisebusses voller Fans an, dass ihn wohl früher viele angezeigt hätten. "Heute bejubeln die mich. Ist es nicht schön?"
Hans Rosenthal, der in seinem Ferienhaus auf Föhr sein Refugium im Kreis seiner Familie fand, mit Frau Traudl, den Kindern Birgit und Gert und deren Kindern, hat aller entsetzlichen persönlichen Erfahrung zum Trotz die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es möglich sei, dass Menschen andere zuallererst als Menschen behandeln. Das ZDF ehrt ihn zum 100. Geburtstag mit dem Fernsehfilm "Rosenthal" und einer Begleitdoku. In der ZDF-Mediathek steht die Original-"Dalli Dalli"-Sendung vom 9. November 1978 ebenfalls zum Abruf bereit.