Filmtitel sollen vermitteln, was das Publikum zu erwarten hat, aber im besten Fall natürlich auch die Neugier wecken. "Galindien": Was mag das sein? "Willkommen in der Steinzeit", begrüßt die Kripo-Chefin ihre Kriminaltechnikerin, nachdem ein Mann während eines rauschenden Festes in einen Tümpel gefallen ist; erst betrunken, dann ertrunken. Bis in die Steinzeit lässt sich die Geschichte der Galinder zwar nicht zurückverfolgen, aber dieser Volksstamm, der seinen Namen dem Lebensraum "am Ende der Welt" verdankt, verstand es offenbar, aus jedem Anlass eine Party zu machen.
Trotzdem ist der Auftakt des achten "Masuren-Krimis" irreführend, denn der Film beginnt mit einem heidnischen Ritual: Angeführt von einer Art Priesterin bewegt sich eine Prozession zu dumpfen Trommelschlägen durch die Nacht. Erst huldigt die Frau einem Götzen, dann fließt der Met in Strömen. Am nächsten Tag stellt sich raus: Die Belegschaft einer Werft hat das Firmenjubiläum gefeiert, alles ganz harmlos also; bis auf den Todesfall. Zeremonienmeisterin Malgorzata hingegen, eine "Kräuterhexe", ist echt. Sie wundert sich nicht, dass sie von der Polizei befragt wird, zumal sie überzeugt ist, dass man ihr die Schuld geben wird: "weil ihr Angst habt vor Bewusstseinserweiterung."
Tatsächlich hat sie dem Honigwein Bilsenkraut zugefügt und so die Rauschwirkung des Getränks verstärkt; der ertrunkene Mann hat zu Lebzeiten so gut wie nie Alkohol getrunken. Um eine etwaige Schuld von Malzorgata geht es in der Handlung (Drehbuch: Olaf Kraemer und Nadine Schweigardt) allerdings gar nicht, denn das Ableben Tomasz Wolskis hat sich offenbar anders zugetragen, als der Anschein nahelegt: Ertrunken ist er in der Tat; aber nicht in dem Tümpel, sondern in einem See.
Nach dem etwas bizarren Prolog mit dem Götzendienst entwickelt sich "Mord in Galindien" (genau genommen müsste es "Galinden" heißen) zu einem ganz normalen Krimi. Interessant ist immerhin die Vorgeschichte: Vor acht Monaten ist eine Kajakfahrerin (Julika Jenkins) beim Paddeln hinterrücks von einem Schiff gerammt worden. Dabei wurde sie so schwer verletzt, dass sie seither im Rollstuhl sitzt. Die Schuldigen konnten nicht ermittelt werden. Wolski war ihr Mann, auf dem Fest hat er sich mit Werftkollegin Pavlenko (Irina Potapenko) gestritten. In seinem Spind entdeckt Polizist Pawlak (Sebastian Hülk) Unterlagen über die Produktion eines neuen Yachttyps, der dem Unternehmen eine glanzvolle Zukunft bescheren soll.
Tilmann P. Gangloff, Diplom-Journalist und regelmäßiges Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, schreibt freiberuflich unter anderem für das Portal evangelisch.de täglich TV-Tipps und setzt sich auch für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Auszeichnung: 2023 Bert-Donnepp-Preis - Deutscher Preis für Medienpublizistik (des Vereins der Freunde des Adolf-Grimme-Preises).
Gattin Jagoda kann sich noch daran erinnern, eine geschwungene gelbe Linie gesehen zu haben, bevor sie das Bewusstsein verlor; eine solche Linie ziert auch die Azurius-Boote. Regisseur Nicolai Rohde ist sonst ein Garant für mindestens gute, oft sogar herausragende Filme. Sein zweiter "Masuren-Krimi" ist jedoch wesentlich weniger fesselnder als zuletzt "Liebestod". Das hat auch mit dem Ende des horizontalen Erzählstrangs der Reihe zu tun: Ehemann Felix ist nun endgültig aus dem Leben von Kriminaltechnikerin Viktoria Wex (Claudia Eisinger) verschwinden.
Natürlich will das Stammpublikum wissen, wie es mit ihr und Pawlak weitergeht, aber der Polizist hat erst mal vor allem mit sich selbst zu tun: Seit einem schockierenden Erlebnis im letzten Film leidet er unter einem Posttraumatischen Belastungssyndrom und gelegentlichen Panikattacken; seine Rückkehr in den Dienst erfolgt viel zu früh. Außerdem ist er nach wie vor zutiefst verletzt, weil sich Wex nicht klar zu ihm bekannt hat. Trotzdem muss das Duo an einem Strang ziehen, um den Mord an Wolski zu klären. Die Spur führt in die Vergangenheit: Wenn die beiden rausfinden, wer Jagoda verletzt hat, stoßen sie auch auf den Schlüssel zur Lösung des aktuellen Falls. Hauptverdächtig bleibt zunächst die aus der Ukraine stammende Bootsbauerin Pavlenko: Sie hat am Tag des Unfalls die Yacht getestet. Anschließend sollte das Boot ausgeliefert werden, aber beim Kunden ist es erst vier Tage später eingetroffen.
Die Bildgestaltung ist erneut sehenswert, gerade die Befragungsszenen im Revier zeichnen sich zudem durch eine gute Lichtarbeit aus. Besonders gelungen sind einige Schlüsselmomente, in denen Rohde und Kamerafrau Eeva Fleig, die wie das gesamte Team schon bei "Liebestod" dabei war, die handelnden Personen als Silhouetten im Gegenlicht zeigen. Sehr effektvoll sind auch die Hinweise auf Pawlaks psychische Probleme, als sich zum Beispiel Hammerschläge in ein Schussgeräusch verwandeln. Gastdarstellerisch hat "Mord in Galindien" dagegen längst nicht die Intensität des Vorläufers.